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Francis Poulenc, Béla Bartók, Maurice Ravel, Ernst von Dohnányi

Deux (Sonaten für Violine und Klavier)

Patricia Kopatchinskaja, Polina Leschenko

Alpha/Note 1 ALP387
(52 Min., 6/2017)

Die englisch-ungarische Geigerin Jelly d’Arányi (1893-1966), eine Großnichte Joseph Joachims, ist die historische Interpreten-Figur hinter dem Programm dieser CD: Sie spielte die englischen Uraufführungen beider Violinsonaten Bartóks mit dem Komponisten selbst am Klavier, und sie ist Widmungsträgerin der „Tzigane“ von Maurice Ravel. Patricia Kopatchinskaja berichtet außerdem, bei einer Pariser Privataufführung einer der Bartók-Sonaten, ebenfalls mit dem Komponisten am Klavier, hätten Ravel und Poulenc ihm und der Geigerin die Noten umgeblättert … eine wahre Muse offenbar, bisher vor allem bekannt für ihren Hang zum Spiritismus und für ihre Bemühungen um die Freigabe des Schumann-Violinkonzerts, dessen englische Uraufführung sie 1938 spielte.
Wenn d’Arányi auch nur annähernd so viel Leidenschaft, Energie und technisches Finish besessen hat wie die in Moldawien geborene Schweizerin Patricia Kopatchinskaja, dann ist die Begeisterung der Herren verständlich: Poulencs Violinsonate, die dieser allerdings seiner Nichte widmete und selbst mit Ginette Neveu uraufführte, ist der furios bemeisterte Einstieg in das Programm dieser CD. Noch mehr als in anderen kammermusikalischen Werken spielt Poulenc hier effektvoll mit einer Mischung aus wohldosierter Banalität und atemberaubender Virtuosität; das während der Besatzungszeit entstandene Stück provoziert wohl absichtlich mit einem partiell lasziven Tonfall und seinen Anklängen an die Jazz-Hits der Epoche. Kopatchinskaja und Leschenko sind ganz offensichtlich vollkommen in ihrem Element.
Weitaus ernster, bisweilen auch heftiger geht es zu in Bartóks zweiter Violinsonate, deren rhapsodischer erster Satz von den beiden Künstlerinnen zunächst in ein gespenstisches Dämmerlicht getaucht wird, bevor die verhaltene Bedrohlichkeit sich in ersten dramatischen Ausbrüchen fast verzweifelt Luft verschafft. Das anschließende „Allegretto“ strotzt nur so vor sperriger Kantigkeit; Kopatchinskaja erweitert ihr Ausdrucksspektrum hier kurzzeitig fast bis zur Geräuschhaftigkeit und lotet die volle rhetorische Wucht der Musik aus bis zum Exzess.
Der „Coppelia-Walzer“ von Bartóks Zeitgenossen Ernst von Dohnányi dagegen ist ganz ungeschminkt ein Salonstück, die einziger Nummer für Klavier allein auf dieser CD: Hier hat Kopatchinskajas Begleiterin Polina Leschenko Gelegenheit, ihre ganze Fingerfertigkeit zu zeigen – und sie tut mehr als das: Souverän strukturiert sie das gefällige Stück von der ersten bis zur letzten Sekunde differenziert durch und verleiht ihm dabei so selbstverständlich eine Note charmanter Beiläufigkeit, als seien die technischen Herausforderungen dieser Nummer für sie nicht existent. Bewundernswert!

Michael Wersin, 10.02.2018



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