Was für eine CD! Die Freunde der italienischen (wie auch der französischen) Oper werden daran ebenso ihre Freude haben wie die Liebhaber hochverzierter Gesangskunst. Doch hier produziert sich nicht etwa eine menschliche Zwitschermaschine, hier wird auch formvollendet interpretiert und gestaltet. Als klingende Visitenkarte für einen der wichtigsten Tenöre der Romantik hat solches Seltenheitswert: Gilbert-Louis Duprez (1806-96), der als erster moderner Vertreter seines Faches gilt, weil er 1837 zum Missvergnügen von Gioachino Rossini in dessen „Guillaume Tell“ erstmals das hohe C mit der Bruststimme sang statt in einer voixe mixte mit viel Falsett. Voilà – der Macho in der Oper, der auch über dem Passaggio trompetete, er war geboren. Raffiniert wie farbenreich tut es ihm Michael Spyres nach. Das Hallé Orchestra unter dem robust zupackenden Carlo Rizzi begleitet.
Der Amerikaner Spyres singt perfektes Französisch, er zeigt Muskeln, verfügt aber auch über stupende Beweglichkeit. Er platziert seine hohen Cs und selbst Noten darüber mit absoluter Sicherheit, ist auch ein Fan lyrischer Legatobögen, kann feine Diminuendi und bezaubert mit seinen Piani. Die Stimme ist durchaus stählern legiert, doch er führt sie so elegant und weich glänzend wie eine Damaszenerklinge. Und macht durch die Repertoirewahl zwischen Donizetti und Berlioz deutlich, wie sich Duprez von einem Tenorjüngling zum schwereren Helden entwickelte. Zum puren, nie eitel ausgestellten Stimmspaß kommt hier mit einigen Ersteinspielungen von Auber und Halévy auch die Entdeckerfreude der vokalsüchtigen Trüffelschweinchen auf ihre Kosten. Kaufen! Hören! Genießen!

Matthias Siehler, 18.11.2017



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