Das Personal - vier Solisten, Chor und Orchester - ist ebenso überschaubar wie die Länge von knapp neunzig Minuten, die nicht allzu tragische, zu einem guten Ende führende Handlung wird stringent vorangetrieben: Zur althergebrachten italienischen Seria-Oper stellt die Festa teatrale in vieler Hinsicht eine leichter verdauliche Alternative dar - und so war sie auch gemeint: Sieben Jahre vor seinem Reform-Orfeo komponierte Gluck seine "Innocenza giustificata" anlässlich des Geburtstags von Kaiser Franz I. Stephan auf ein Libretto, das der Wiener Hoftheaterintendant Graf Durazzo anonym aus Metastasio-Libretti zusammengeschrieben und mit eigenen Rezitativ-Dichtungen ergänzt hatte; dieses Quodlibet muss als bewusste Spitze gegen Metastasio hinsichtlich der auf diese Weise behaupteten Austauschbarkeit seiner Arientexte verstanden werden. Ergebnis dieser Zusammenarbeit Durazzos und Glucks ist ein Werk, das Elemente der französischen Opéra comique auf fruchtbare Weise mit der Seria verbindet - der Reformprozess nahm mit solchen Versuchen bereits seinen Anfang.
So interessant dieses Werk, das die Beschuldigung und schließliche Entlastung der römischen Vestalin Claudia thematisiert, in historischer und, sowohl vor diesem Hintergrund als auch für sich genommen, in musikalischer Hinsicht ist, so durchwachsen präsentiert sich leider Christopher Moulds Einspielung - die einzige vollständige, die der Schallplattenkatalog derzeit verzeichnet: María Bayo in der Rolle der Claudia kann das Niveau ihres spanischen Lieddebüts von 2002 (naive) nicht halten; sie kämpft in ihren Arien mit eiernden Koloraturen und Intonationsproblemen. Andreas Karasiak als Konsul Valerio erweist sich ebenfalls nicht als Meister des Ziergesangs: In seiner ersten Arie aspiriert er die Koloraturen und gerät dadurch auch hinsichtlich der Intonation gelegentlich ins Wanken, seine zweite, weniger bewegte Arie gelingt allerdings deutlich besser. Verònica Cangemi (Flavio) bleibt vor allem in der oberen Lage flach und blässlich, laboriert außerdem an einem Registerproblem. Marina de Liso (Flaminia) hingegen erweist sich nicht nur in diesem problematischen Umfeld, sondern auch absolut gesehen als solide, technisch sichere und entsprechend ungestört ihr Timbre entfaltende Sängerin. Schade, dass hier manches etwas aus dem Ruder gelaufen ist: Dieses Werk hätte eine homogenere, durchgehend überzeugende Wiederbelebung verdient, zumal an der Leistung der begleitenden Cappella Coloniensis nichts auszusetzen ist.

01.05.2004



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