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Far From Over

Vijay Iyer Sextet

ECM/Universal 5767386
(58 Min., 4/2017)

Rassismus, Nationalismus, Klimawandelleugnen – all die Dinge, die man im Westen überwunden glaubte, sind weit davon entfernt, vorbei zu sein. „Far From Over“ eben, wie der Titel von Vijay Iyers fünften Einspielung für das Label ECM deutlich macht. Aber auch wenn der US-Pianist mit den indischen Wurzeln in den Liner Notes die leider immer noch nötigen Kämpfe für Gleichheit, Gerechtigkeit und Menschenrechte thematisiert, spricht seine Musik eine ganz andere, positive Sprache.
Denn für Iyer und sein Sextett sind auch die klingenden Begleiterscheinungen der Bürgerrechtsbewegung noch längst nicht vorbei. Ja, „Far From Over“ wirkt stellenweise wie eine Zeitreise in die 60er Jahre. Man hört da unter anderem die intellektuell durchdrungenen Freiheitsbestrebungen des zweiten Miles-Davis-Quintetts (mit Schlagzeugsupertalent Tyshawn Sorey als wiedergeborenem Tony Williams), die spirituelle Entrücktheit eines John Coltrane (mit Tenorist Mark Shim als Trane-Wiedergänger in „Down To The Wire“) oder die psychedelischen Anfänge des Fusionjazz (mit Trompeter Graham Haynes als Miles-Avatar).
Ähnlich wie der Bandleader mit seinen unberechenbaren Klaviersoli kopieren die Mitglieder des Iyer-Sextetts (das von Altsaxofonist Steve Lehman und Bassist Stephan Crump komplettiert wird) jedoch nicht oberflächlich die Vorgänger, sondern machen sich vielmehr ihre innere Haltung zu eigen und transportieren sie mit individueller Ausdrucksschärfe in die Gegenwart.
Das spiegelt sich auch in den Kompositionen wider, die sich bei schwerst groovenden D'Angelo-Beats („Nope“, „Into Action“), südindischen Tanzrhythmen und dem Punkjazz („Good On The Ground“) oder skandinavischen Elektroklangflächen-Malereien („Wake“) bedienen. So kann man auch die Welt verbessern: „Far From Over“ ist zweifellos das zugänglichste Album Iyers seit Langem.

Josef Engels, 14.10.2017



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