Das Temperament und auch die Präzision eines Dirigenten messen sich gerne an der nach oben offenen Skala der Unwetter. Wenn sich zu Beginn von Glucks "Iphigenie auf Tauros" ein Sturm erhebt, dann lässt Marc Minkowski den Wind pfeifen, dann lässt er schließlich sogar Donner grollen und Blitze zucken, dass einem, wäre man bei Tonkonserven nicht glücklicherweise Herr der Lautstärke, angst und bange werden könnte inmitten des wilden Getöses der Elemente.
Tatsächlich bietet diese Oper für ein derartiges Ausdrucks-Musizieren nicht nur Grund und Nährboden genug, sondern sie fordert es geradezu heraus, kann und will ohne es nicht leben. In dieser Hinsicht gibt sich "Iphigenie auf Tauris" als reformierteste von Glucks Reform-Opern: Sie riskiert den Verlust von Schönheit um der Emphase und wagt Extremes um der Wahrhaftigkeit willen.
Dem schließen sich sogar eben die Sänger an, die in dieser Aufnahme vor allem überzeugen: Mireille Delunsch ist eine Iphigenie von geradezu archaischer Energie und voller Emotionen. Simon Keenlyside und Yann Beuron als Orest und Pylades streiten mit Nachdruck darum, wer von ihnen das Menschenopfer des blutrünstigen Skythenvolkes ("Verspritzt mit heil'gen Händen / Sei beider Fremden Blut!") sein darf, und Thoas, der Anführer der Barbaren, gibt sich in der Darstellung durch Laurent Naouri selbst als Getriebener zu erkennen, den düstere Vorahnungen peinigen. Am Ende indes geht - Diana sei Dank - trotzdem alles noch gut aus und ohne Tote ab, obwohl Gluck und sein Librettist Guillard die Situation im Vergleich zur griechisch-antiken Vorlagen noch verschärfen - und die Spuren des Sturms in den Herzen der Beteiligten weichen einer pastoralen Fröhlichkeit.
Wer von diesem Stück veroperter Tantaliden-Saga in dieser gefühlsprallen Deutung nicht hingerissen ist, dem können allerdings wohl auch die Musiciens du Louvre und ihr trotz allen emotionalen Nachdrucks bewundernswert genau singender Chor nicht helfen.

Susanne Benda, 31.05.2001



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Eine Reise zu zweit, a Journey for Two, haben sich Vashti Hunter und Jonian Ilias Kadesha dem Titel ihres ersten Duo-Albums nach vorgenommen. Doch wo soll sie hingehen? Als diskografisches Reiseziel erwählte das Musikerpaar die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts, genauer die Musik von Iannis Xenakis, Zoltan Kodaly, Arthur Honegger und Nikos Skalkottas. Das Zusammenhalt stiftende Element dieser durchaus in die Repertoireperipherie führenden Zusammenstellung liegt in den volksmusikalischen […] mehr »


Top