Die drei Bach-Söhne Carl Philipp Emanuel, Friedemann und Johann Christian stehen für verschiedene Richtungen der an Entwicklungen so vielseitigen "Vorklassik", also der Zeit zwischen Johann Sebastian Bachs Tod und den späten 70er Jahren des 18. Jahrhunderts.
Carl Philipp Emanuel gilt als der "Empfindsame", dessen individuelles, schrankenloses "Fantasieren" am Klavier den Weg zur Romantik bahnte. Friedemann, der seinen Beruf als Kantor in Halle ohne erkennbaren Grund aufgab, um sich, wie später Mozart, eine Existenz als freier Musiker aufzubauen, wurde zum legendenumrankten Genie, das aus dem Schatten des Vaters scheinbar nie herauskam. Johann Christian schlug sich auf die Seite des heraufziehenden italienischen Stils, bereitete die Sprache Mozarts vor und konvertierte aus beruflichen Gründen zum Katholizismus.
Die drei hier vertretenen Cembalokonzerte lassen in ihrer Ausdruckshaltung einen gemeinsamen Nenner erkennen: Es scheint, als habe alle drei Bach-Söhne in diesen Werken die "Empfindsamkeit" gepackt, als habe sie der tiefe Wunsch nach persönlichem Ausdruck die zeittypischen Maßgaben einer repräsentativen Kunst vergessen lassen.
Erstaunlich modern klingen die Stücke in der Interpretation von Christine Schornsheim und der Berliner Barock-Compagney; die Musiker wissen die Tatsache, dass diese Kompositionen ihrer Zeit voraus waren, mitreißend umzusetzen – abzulesen etwa an der hektischen Betriebsamkeit im ersten Satz des Konzertes von Carl Philipp Emanuel, in dem die spielerischen Soli des Cembalos kleine Inseln bilden, sich die bewusst herbeizitierten Barockformeln jedoch selbst ad absurdum führen. Die raffiniert komponierten rhythmischen Verwirrungen am Beginn des Friedemann-Bach-Konzertes wiederum könnten ohne weiteres einem Michael-Nyman-Konzert entsprungen sein - oder umgekehrt. Eine gewisse Repräsentanz bewahrt sich Johann Christian Bach, der sein Konzert in f-Moll unter dem Eindruck der Werke seines Bruders Emanuel schrieb, dessen expressivem Stil jedoch eine beschwichtigende, beinahe liebliche Note verlieh.

Oliver Buslau, 01.12.1999



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Das ging fix! In Schumanns „Haushaltsbuch“ kann man nachlesen, wenn auch gewohnt kryptisch, wie rasch er mit der Arbeit an seinem Klaviertrio op. 110 vorankam: „1. Okt. 1851 Kompositionsgedanken, 2. Okt. Triogedanken, 3. Okt. 1. Satz fertig, 4. Okt. 2. Satz, 5. Okt. 3. Satz, Freude, 27. Okt. Probe zum Trio zum ersten Mal, Freude.“ Dabei war Schumann sonst nicht unbedingt ein Schnellschreiber wie etwa Mozart. Doch die vier Sätze wirken wie aus einem Guss, wie in einem Schaffensrausch zu […] mehr »


Top