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Ancestral Memories

Yosvany Terry, Baptiste Trotignon

Okeh/Sony 88985418682
(60 Min., 1/2017)

Am Anfang stand ein Stipendium der Mid Atlantic Arts Foundation und der French-American Jazz Exchange, das dem amerikanischen Saxofonisten Yosvany Terry zugesprochen wurde: Er sollte „neue Werke auf der Grundlage der reichen musikalischen Traditionen, die sich aus der afrikanischen Diaspora in den Vereinigten Staaten und den früheren französischen Kolonien auf dem nordamerikanischen Kontinent entwickelt haben, erschaffen.“ Als Partner suchte er sich den französischen Pianisten Baptiste Trotignon.
Zusammen analysierten sie die Musik von Guadeloupe, Martinique, Haiti und New Orleans, und dann komponierte jeder fünf Stücke, in denen er diese Traditionen in eine aktuelle Jazzsprache übersetzte. „Unser Plan war es, keine Musik zu schreiben, die sich anhört, als basiere sie auf einer dieser Traditionslinien. Stattdessen wollten wir diese Traditionen in der aktuellsten Form eines herkömmlichen Jazzquartetts ansprechen“, wird Terry im Booklet zitiert. Geplant war also weder Folk-Jazz noch verjazzte Volksmusik.
Dieser Plan ging auf. Obwohl es nahe gelegen hätte, die traditionellen Trommeln zu verwenden, setzte sie Jeff „Tain“ Watts an ein herkömmliches Drumset. Der Amerikaner schlägt denn auch Rhythmen, die sich aus den karibischen Originalen ableiten, hebt sie zusammen mit den Stipendiaten und dem Kontrabassisten Yunior Terry auf eine wesentlich virtuosere Ebene.
Sie greifen Melodien, Rhythmen und Gesänge aus Kuba, Réunion, Haiti, Guadeloupe, Martinique und New Orleans auf – wüsste man dies nicht aus dem Booklet, hielte man die Stücke einfach für mit aller Raffinesse auf der Basis afrikanischer, karibischer und lateinamerikanischer Elemente komponierte Jazznummern. Diese zehn Stücke spiegeln keine Diaspora oder Abschottung einzelner ethnischer Gruppen. Sie lassen den Spaß und das Vergnügen erleben, das sich aus der Vielfalt der jeweiligen Herkunftsländer ergibt. Auf „Ancestral Memories“ dienen die Erinnerungen an die Vorfahren nicht der Abgrenzung. Stattdessen symbolisieren sie, dass Abstammungsfragen in diesem Schmelztiegel-Jazz nicht die geringste Rolle spielen.

Werner Stiefele, 22.07.2017



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