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Bells For The South Side

Roscoe Mitchell

ECM/Universal 5711952
(128 Min., 9/2015) 2 CDs

Roscoe Mitchell kam in die Jahre. Der Free Jazz zählt zur Musiktradition. Die Avantgarde der 1960er ist Geschichte. So feierte das Museum of Contemporary Art Chicago 2015 das 50-jährige Jubiläum der einst revolutionären „Association for the Advancement of Creative Musicians“ (AACM) mit der Ausstellung „The Freedom Principle In Art And Music, 1965 To Now“ und Konzerten. Das Prinzip der Freiheit hat seine Bedeutung behalten. Diese Freiheit aber fordert der Saxofonist Roscoe Mitchell nicht mehr aus einer gegen den reaktionären Mief ankämpfenden, oppositionellen Geste. Stattdessen lebt er sie an diesem Abend mit vier verschiedenen Trios sowie der großen, neunköpfigen Besetzung aus.
Indem Tyshawn Sorey, Tani Tabbal und William Winant originale Percussioninstrumente aus dem Fundus des ursprünglich als „Roscoe Mitchell Art Ensemble“ gegründeten Art Ensemble Of Chicago spielen, verneigen sie sich indirekt vor diesem für die Neudefinition dezidiert aus der afro-amerikanischen Kultur abgeleiteten Improvisationskonzept. Die reine, klare Spielweise ihrer Instrumente erweitern die Saxofonisten Roscoe Mitchell und James Fei, der Trompeter Hugh Ragin, der Kontrabassist Jaribu Shahid sowie die übrigen Musiker wie damals um zerrissene, angeraute, harsche Sounds.
Einige Trios muten eher wie komponierte, dadurch in Noten gemeißelte (und auch durch andere Musiker reproduzierbar gemachte) Fortentwicklungen der einst aus der Suche nach unkonventionellen, freien Ausdrucksformen entstandenen Klangmöglichkeiten. Hier zeigen die würdevolle Konzentration der Klänge und die exakte Ausführung, dass die jungen Wilden von einst ihrem Ziel, eine neue, sie selbst überlebende Musik zu erschaffen, nahe gekommen sind.
Bei diesen komponierten Werken geht es um die Freiheit, die bis in die 1960er Jahre gültigen Formen des Jazz und der klassischen Musik hinter sich zu lassen und eine in der afro-amerikanischen Tradition fundierte Parallele zur Neuen Musik Europas zu erschaffen. Andere Trios erhalten eher den Gestus der freien, aus dem Moment entstandenen Improvisation aufrecht. Wilder und ungestümer wirken sie, zum Teil eruptiv und überbordend, und damit einem anderen Verständnis von Freiheit folgend.
Trotz der Bezüge auf die Free-Tradition der einst in der South Side Chicagos angesiedelten AACM-Gründer bleibt diese Musik in Bewegung. So bringen der Saxofonist James Fei, der Pianist Craig Taborn auch zeitgenössische „Electronics“ ins Geschehen – Instrumente, die in den 1960ern noch nicht erfunden waren. Damit erweitern sie die akustische Ausdrucksskala und bleiben doch den Freiheitskonzepten aus den Aufbruchsjahren treu.

Werner Stiefele, 08.07.2017



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