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N° 1272
24. - 30.09.2022

nächste Aktualisierung
am 01.10.2022



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Ein "Skandal" mit sooo langem Bart: Schon die Heilige Wilgefortis trug zum Kleid schließlich einen formvollendeten Vollbart, Beauvais (St. Étienne)

Pasticcio

Brava Conchita!

Königin Sissi trägt ab sofort genauso einen wie Prinzessin Kate. Und auch Anna Netrebko ist unter die Vollbartträger gegangen. Seit die österreichische Drag-Queen Thomas Neuwirth alias Conchita Wurst beim Eurovision Song Contest sich den Lorbeerkranz auf die Perücke setzen konnte, ist das Netz voll von Collagen. Und natürlich gibt es auch eine Szene, in der Vladimir Putin auf dem Bildschirm seines Büro-PCs dieses Wesen erblicken muss, bei dem diesem sittenstrengen Staatsmann in Wirklichkeit die wenigen Nackenhaare hochgehen müssten. Gar nicht gefallen dürfte es ihm zudem, dass sich selbst seine Busenfreundin Netrebko in den Reigen der Conchita-Fans eingereiht hat. So gratulierte die Sopranistin auf ihrer Facebook-Seite ihm/ihr mit den Worten „Brava Conchita!“ Dafür erhielt Netrebko jedoch nicht nur Zustimmung, sondern auch abfällig formulierten Gegenwind von ihren russischen Landsleuten.
Dabei sollte die homophobe, sich ach so christlich gebende Gemeinde nur mal einen kleinen Blick in die eigenen Operngeschichtsbücher gönnen. Schließlich ließ Serge Prokofjew 1921 in „Die Liebe zu den drei Orangen“ aus einer der Südfrüchte eine Köchin mit Bart steigen. Doch auch – und das dürfte den russischen Moralaposteln wohl noch weniger gefallen - in der kirchlichen Ikonographie gibt es eine Volksheilige, die sich 2014 mit ihrem Gesichtsschmuck nicht unbedingt auf die Straßen von Moskau trauen dürfte. Wilgefortis war ihr Name, die auch von den Brüdern Grimm verewigt wurde: „Es war einmal eine fromme Jungfrau, die gelobte Gott, nicht zu heiraten, und war wunderschön, so dass es ihr Vater nicht zugeben und sie gern zur Ehe zwingen wollte. In dieser Not flehte sie Gott an, dass er ihr einen Bart wachsen lassen sollte, welches alsogleich geschah; aber der König ergrimmte und ließ sie an's Kreutz schlagen, da ward sie eine Heilige.“ Heute gilt die bärtige Wilgefortis übrigens u.a. als Patronin gegen Haarausfall. Sollte Putin nicht allein deswegen mal umdenken?

Guido Fischer



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