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N° 1223
16. - 22.10.2021

nächste Aktualisierung
am 23.10.2021



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Sigiswald Kuijken

Den Bogen raus

Als »Originalist« war er ein Mann der ersten Stunde. Heute gibt sich der einstige Purist und Guru der historischen Aufführungspraxis milder. Michael Wersin hat ihn gesprochen.

Eine Legende der historischen Aufführungspraxis wurde 65: Sigiswald Kuijken, Violinist, Gambist und Leiter des von ihm 1972 gegründeten Ensembles La Petite Bande, erreichte am 16. Februar 2009 das »Pensionsalter« – berufliche Folgen hat dies allerdings nur für seine Unterrichtstätigkeit am Königlichen Konservatorium in Brüssel, die demnächst planmäßig endet. Davon abgesehen jedoch betreibt Kuijken mit vollem Engagement weiterhin die Ensemblearbeit.
Besonders liegt Sigiswald Kuijken die Vervollständigung seiner Bachkantaten-Reihe beim Label Accent am Herzen. 20 CDs sollen bis 2011 erscheinen, Folge 7 kam Anfang 2009 auf den Markt. Kuijken orientiert sich in Sachen Vokalbesetzung schon lange an den Erkenntnissen Rifkins und Parrotts, verwendet also nur einen Sänger pro Stimme. Dies bringe nicht nur im Studio, sondern auch live niemals Probleme mit sich, wenn man mit entsprechend professionellen Kräften arbeitet, versichert er – die quellengestützten Beweise für diese Besetzungspraxis seien ohnehin erdrückend.
Als Bachinterpret hat er in den letzten Jahren eher wieder die großen melodischen Bögen in den Blick genommen: Kleingliedriges Zerhacken der Linien, wie es bis heute vielerorts als besonders »historisch« gilt, ist seine Sache nicht: »Vielleicht bin ich ja am Ende doch altmodisch geworden «, lacht er mit spöttischem Seitenblick auf seine »Feinde« im belgischen Kulturministerium. Das interpretatorische Ergebnis spricht freilich klar für ihn: In seiner – selbstverständlich solistisch besetzten – Neuaufnahme der h-Moll- Messe fließt und schwebt etwa die erste Kyrie- Fuge mit geradezu unerhörter Leichtgewichtigkeit dahin.
Ein Thema, das Kuijken seit einigen Jahren engagiert erforscht, ist das »Violoncello da spalla«: Die These lautet, dass noch zu Bachs Zeiten mit dem Namen Violoncello nicht ein zwischen den Knien, sondern ein (wie eine Geige) an der Schulter gehaltenes Instrument bezeichnet wurde. Kuijken hat instrumentenkundlich exakt recherchiert, bleibt aber nicht beim Theoretisieren stehen: Schon 2008 legte er Vivaldis »Vier Jahreszeiten« in solistischer Streicher-Viererbesetzung mit dem Violoncello da spalla als Bassinstrument vor, dieses Jahr präsentierte er Bachs Cellosuiten auf dem Schultercello gespielt – eine kleine Sensation.

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Michael Wersin, RONDO Ausgabe 2 / 2009



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