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N° 1219
18. - 24.09.2021

nächste Aktualisierung
am 25.09.2021



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Klavierklassiker

Manche Heroen aus dem goldenen Zeitalter des Klavierspiels kennen wir eigentlich nur als alte Männer mit sehr definierten Stilidealen. Für keinen Pianisten gilt das mehr als für Wilhelm Backhaus. Im Alter baute er seinen ernsten Beethoven förmlich aus Granitquadern auf. Dabei gab es ein Vorleben als Pyrotechniker, dessen berühmteste Vorstellung eine Version aller Chopin-Etüden ist, die noch heute die Klavierprofessoren erbleichen lässt, so kontrolliert verpuffen die schweren Stellen. Diese Veröffentlichung, die ich bei ihrem Erscheinen 2012 sträflich übersehen habe, öffnet ein viel weiteres Panorama dieser Überpianistik, die so beiläufig daherkommt, als sei es doch gar nicht schwierig, das Finalpresto der ersten Weber-Sonate, den von Dohnanyi arrangierten Naila-Walzer von Délibes oder die „Triana“ von Albéniz (humanerweise sind da zumindest ein paar winzige Unsauberkeiten) mit einer so hemmungslos schnurrenden Mechanik, so schweißlos und sprühend hinzulegen. Ein Rest von Nüchternheit lässt das Ganze noch aberwitziger wirken.

Wilhelm Backhaus, The Virtuoso

Profil/Naxos

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Backhaus´ jugendliches Spiel glich einem sehr modernen Einswerden mit der entfesselten Maschinerie. Bei Walter Gieseking, dessen Aufnahmen für die Firma Nomocord (1923 - 1927) hier vollständig zu hören sind, scheint sich das Instrument einfach aufzulösen. Die Gigue aus Bachs B-Dur Partita, der „Schmetterling“ Griegs oder die klaren Kaskaden der Ravelschen Wasserspiele lassen die Materie ihrer Erzeugung völlig vergessen, sind ganz Geist, Luft oder Wasser und doch nie weich oder unscharf. Und wie bei Backhaus löst sich das Konzept der umrissenen, sich einprägenden Künstlerpersönlichkeit, das uns heute so viel gilt, eigenartig auf. Die Musik strömt durch diese medialen Spielapparate und man vergisst, dass sich da Menschen abmühen. Aber sie mühten sich ja auch nicht, und darum war Giesekings Mozart immer so unerreichbar fern und schön. Eine bislang unveröffentlichte Testpressung der letzten Sonate (ca. 1942) beweist es aufs Neue.

Walter Gieseking: The Complete Homocord Recordings

Appian Publ./note1

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Claudio Arrau war als Beethoveninterpret noch skrupelhafter als Backhaus, aber man hörte auch immer, dass er sich diese Haltung „erquält“ hatte. Sein Klavierspiel in jüngeren Jahren war flüssiger, zuweilen unerhört impulsiv und vor allem sehr emotional. Die D-Dur-Sonate op. 10/3 (Erstveröffentlichung) ist in dieser Hinsicht erstaunlich. Das Largo knetet er mit einem derartigen Gefühlsüberdruck aus den Tasten, dass sich das Scherzo von dieser Last kaum befreien kann. Sogar eine verworfene Alternativfassung ist enthalten, da schlägt die Ergriffenheit noch gewichtiger durch. Das ist aller späteren Versachlichung noch aufregend fern. Das gilt auch für seine kaum zu bremsenden motorischen Energien, die manche Chopin-Etüde oder das Finale der Mondscheinsonate förmlich zerstieben lassen. Man versteht das fast zwanghafte Zurückstauen der Energien beim älteren Arrau als eine Bändigung von Kräften, die er als gefährdend empfand und als junger Pianist kaum zu kontrollieren wusste.

Claudio Arrau: Rarities 1929–1951

Warner

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Matthias Kornemann, RONDO Ausgabe 2 / 2014



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