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N° 1290
28.01. - 03.02.2023

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am 04.02.2023



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Philippe Jaroussky

Kastraten aller Arten

Die Kunst des barocken Ziergesangs hat Hochkonjunktur: Während sich eine Reihe hochmögender Damen auf die sängerischen Eruptionen Neapels stürzte, entdeckt Philippe Jaroussky die empfindsamen Arien Johann Christian Bachs für sich – und uns! Robert Fraunholzer sprach mit dem Countertenor über sein neues Album, knabenhafte Töne und den Beschützerreflex des Publikums.

RONDO: Herr Jaroussky, ein Album über den völlig abseitigen Johann Christian Bach, das klingt komplett verrückt.

Philippe Jaroussky: Nur, weil niemand diese Musik kennt! Johann Christian Bach ist eine wichtige Brücke zwischen Händel und Mozart – durch die Form der Rezitativi accompagnati, also des dramatischen Dialogs mit dem Orchester. Er hat auch erstmals das Pianoforte verwendet. Und seine Musik besitzt Ironie. Sie werden überrascht sein!

RONDO: Wie sind Sie auf ihn gekommen?

Jaroussky: Indirekt durch Cecilia Bartoli, einem Idol von mir. Ihr Gluckalbum setzte mich auf die Fährte zu Jommelli, Traetta und Paisiello, einer galanten Periode zwischen Barock und Klassik. Mir kam diese Musik monoton vor. Die reiche und farbige Instrumentation allerdings gefiel mir. Glücklicherweise sind die Werke von Johann Christian Bach gut editiert, sodass ich mir leicht ein Bild machen konnte. Als ich dann einige Konzerte mit frühen Mozartarien sang, entdeckte ich, wohin diese Geschichte führte. Johann Christian Bach war ein verrückter Typ, ständig auf Reisen genau wie ich. Über einen seiner Brüder sagte er: »Er ist geboren, um zu komponieren. Ich komponiere, um zu leben.«

RONDO: Früher gab es bei Countertenören immer einen gewissen Freakshow-Effekt. Vorbei?

Jaroussky: Ich kämpfe noch immer dagegen. Das Raunen im Publikum, nachdem der erste hohe Ton erklungen war, kennt immer noch jeder meiner Kollegen. Heute ist das allerdings kein Schockerlebnis mehr. Was ich stattdessen erlebe – und jetzt sage ich etwas Provozierendes – ist ein gewisser Sympathiebonus, ein Entgegenkommen des Publikums. Wenn ich ganz ehrlich sein soll: Wir Countertenöre kriegen auch an schwachen Tagen die volle Liebesration. (lacht)

RONDO: Was daran liegen dürfte, dass man Sie nicht nur als Sänger wahrnimmt?

Jaroussky: Richtig. Männer, die so hoch singen wie eine Frau, erwecken den Eindruck von Mut und Verletzlichkeit. Das rührt. Ich merke nach Vorstellungen immer wieder: Das Publikum will mich beschützen. Es kommen Menschen zu mir und sagen mit sehr warmherzigem Ton: »Pass auf dich auf!«

RONDO: Wie sieht Ihr Leben aus?

Jaroussky: Ich versuche händeringend, das Leben eines normalen Mannes in meinem Alter zu führen. Also: Ausgehen mit Menschen, die keine Musiker sind. Die Leute danach aussuchen, dass sie nicht wegen meines Berufes oder gar als Bewunderer mit mir zusammen sind. Mit Menschen Kontakt haben, denen ich einfach ein guter Freund sein kann.

RONDO: Ihre Stimme klingt wie die eines Knaben. Sie sehen beim Singen auch knabenhaft aus. Woran liegt das?

Jaroussky: Vielleicht daran, dass ich eine größere Stimme vorzutäuschen versuche, als ich wirklich habe – und mich entsprechend in die Brust werfe. Meine Stimme ist etwas kleiner als etwa die meiner Kollegen Bejun Mehta oder David Daniels. Fragilität, finde ich, kann sehr reizvoll sein. Es berührt mehr – mich jedenfalls – als jeder vokalvirtuose Kraftakt. Und zeigt mehr innerliche Stärke.

RONDO: Wie bewahren Sie sich Ihr knabenhaftes Timbre?

Jaroussky: Gute Frage, denn ich habe als Knabe kaum gesungen. Ich war im Chor, weshalb man sagte, ich müsse aufs Konservatorium gehen. Bloß habe ich dort die Violine gespielt. Trotzdem bin ich überzeugt, dass das Geheimnis eines Countertenors darin besteht, den Kontakt zur Kindheit nicht zu verlieren. Wie ein Junge zu singen, ist der Versuch, mir eine kindliche Einstellung zu bewahren. Ich bin unreif im Kopf, wenn ich singe.

Neu erschienen:

Johann Christian Bach

La dolce fiamma

Philippe Jaroussky, Le Cercle de l’Harmonie, Jérémie Rhorer

Virgin Classics/EMI

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Robert Fraunholzer, 22.02.2014, RONDO Ausgabe 6 / 2009



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