home

N° 1290
28.01. - 03.02.2023

nächste Aktualisierung
am 04.02.2023



Startseite · Künstler · Gefragt

Stile Antico

Die Klangdemokraten

»Ein junges Profi-Ensemble, ohne Dirigenten arbeitend, mit einer zutiefst ernsthaften, unbestechlich qualitätsbewussten und von profunder Werkkenntnis befeuerten Arbeitsauffassung«, schrieb unser Kritiker Michael Wersin über das englische Vokalensemble Stile Antico. Grund genug, die Sänger einmal näher kennenzulernen. Miquel Cabruja traf sie im Städtchen Kiedrich im Rheingau.

Stile Antico begann als das Ferienhobby befreundeter Studenten aus Oxford. Emma Ashby (Alt) findet das nicht ungewöhnlich: »Wir alle sind in der englischen Chortradition aufgewachsen und haben in verschiedenen Kathedralen, Kirchen und Chören gesungen. Da lag es nahe, in unserer Freizeit die Chormusik der Renaissance zu pflegen. Wir haben dabei einfach großen Spaß.« Eine Grundsatzentscheidung war für Stile Antico der Verzicht auf einen Dirigenten. Alle Mitglieder sind sowohl organisatorisch als auch musikalisch für das Ensemble verantwortlich. Das künstlerische Prinzip lautet Demokratie. Damit sind sie so überzeugend, dass auch Popstar Sting auf die Musiker aufmerksam wurde. 2007 lud er Stile Antico dazu ein, ihn auf seiner »Songs from the Labyrinth Tour« zu begleiten, ein Projekt mit Liedern des Renaissancekomponisten John Dowland. Noch im selben Jahr bereisten sie zusammen Europa. 2008 tourten sie dann gemeinsam durch Australien und Fernost. »Das war für uns sehr aufregend und hat uns Einblicke in eine ganz andere Welt des Musikgeschäfts beschert«, sagt Ashby. »Sting ist ein fantastischer Musiker und hat uns alle inspiriert.«
Den Durchbruch für die zwölf Sängerinnen und Sänger brachte 2005 die Teilnahme am York Early Music Festival. Sie war nicht nur der Beginn einer regen Konzerttätigkeit, sondern auch der Anfang einer erfolgreichen Plattenkarriere. Schon die erste CD »Music for Compline« mit Werken großer englischer Komponisten von Thomas Tallis bis William Byrd wurde ein Riesenerfolg. »Heavenly Harmonies« legte erneut den Schwerpunkt auf englische Musik. 2009 folgten dann unter dem Titel »Song of Songs« Vertonungen des alttestamentarischen Hoheliedes. »Ein Album, das auf wunderbare Weise die stilistische Vielfältigkeit des 16. Jahrhunderts zum Ausdruck bringt«, findet Bariton Will Dawes. »Mit ein wenig Übung kann man die iberische, flämische, italienische und britische Schule leicht voneinander unterscheiden. Aber egal woher sie stammen, eines ist bei allen Kirchenmusikern gleich: Gib ihnen erotische Texte und es kommt großartige Musik dabei heraus!« Mit John Sheppard beschränkt sich die neueste Scheibe des Ensembles erstmals auf einen einzigen Komponisten. »Media vita« stellt einen Meister ins Rampenlicht, der von der Alte-Musik- Bewegung erst spät zur Kenntnis genommen wurde. »Für uns steht fest, dass Sheppard zu den besten Musikern seiner Generation zählt«, unterstreicht Dawes. »Er komponierte für seine Zeit ausgesprochen kühn. Sein Kontrapunkt ist ungeheuer dicht und abwechslungsreich.« Die englischen und lateinischen Titel seiner Werke sind ein Hinweis auf die religiösen Unruhen in Sheppards Epoche. Während seiner Lebenszeit änderte sich die Konfession in England ganze drei Mal. Je nachdem welcher Monarch auf dem Thron saß, mussten die Komponisten entweder für die katholische oder die anglikanische Kirche arbeiten und passten entsprechend ihren Stil an. Es sind diese gesellschaftlichen und menschlichen Hintergründe von Musik, die für Stile Antico zählen. Sie interessieren die Musiker mehr als die Grabenkämpfe der historischen Aufführungspraxis. »Die Hälfte unserer Sänger ist weiblich «, meint Emma Ashby. »Frauen spielten zwar in der kirchlichen Musik des 16. Jahrhunderts keine Rolle, für uns ist diese Frage jedoch nicht so wichtig. Viel entscheidender ist doch, was diese Werke heute zu sagen haben. Wir sind überzeugt, es ist eine ganze Menge!«

Neu erschienen:

John Sheppard

Media vita

harmonia mundi

Als JPC- und Amazon-Partner verdienen wir an qualifizierten Verkäufen.

Miguel Cabruja, 15.02.2014, RONDO Ausgabe 1 / 2010



Kommentare

Kommentar posten

Für diesen Artikel gibt es noch keine Kommentare.


Das könnte Sie auch interessieren

Hausbesuch

Royal Opera House

Vorhang auf – im Lichtspielhaus!

13 Produktionen überträgt Londons königliches Opernhaus 2019/20 live in deutsche und […]
zum Artikel

Gefragt

Raphaela Gromes

Dornröschen, nicht Rapunzel

Auf ihrem Album „Imagination“ spielt die Cellistin Märchenhaftes von Popper über Humperdinck […]
zum Artikel

Gefragt

Lise Davidsen

Ungeheure Kräfte

Schon jetzt lässt die Norwegerin Lise Davidsen ahnen, welches Potenzial in ihrer Stimme liegt – […]
zum Artikel


CD zum Sonntag

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Externer Inhalt - Spotify

An dieser Stelle finden Sie Inhalte eines Drittanbieters, die Sie mit einem Klick anzeigen lassen können.

Mit dem Laden des Audioplayers können personenbezogene Daten an den Dienst Spotify übermittelt werden. Mehr Informationen finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Auf Anregung seines Lehrers Carl Friedrich Zelter schrieb der blutjunge Felix Mendelssohn Bartholdy im Alter von 12 bis 14 Jahren zwölf Streichersinfonien im Zeitraum von 1821 bis 1823. Diese Werke bildeten sein Übungs- und Experimentierterrain für den musikalischen Satz, die Instrumentation und die sinfonische Form. Mendelssohn überschrieb die Stücke, die er mal mit drei und mal mit vier Sätzen gestaltete, wechselweise mit „Sinfonia“ oder „Sonata“. In ihnen fand die […] mehr


Abo

Top