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N° 1260
02. - 08.07.2022

nächste Aktualisierung
am 09.07.2022



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Dee Dee Bridgewater

Die Lady bezwingt den Blues

Man kann sich vor Billie Holiday verbeugen und dabei trotzdem putzmunter sein. Dee Dee Bridgewater, eine der letzten großen Jazz- Diven, macht es vor. Was der Hörer allerdings nicht ahnt: Die Tribut- CD ist großem Leiden abgetrotzt, wie Bridgewater Josef Engels verriet.

RONDO: Hatten Sie sich nicht eigentlich geschworen, nach Ihrem »Dear Ella«-Album keine weitere Tribut-CD aufzunehmen?

Dee Dee Bridgewater: (lacht) Ich weiß! Es war auch alles ganz anders geplant. Eigentlich wollte ich das Billie-Holiday-Bühnenstück »Lady Day«, in dem ich vor einigen Jahren gespielt habe, wiederauferstehen lassen. Einfach, um meine alten Knochen mal wenigstens für ein halbes Jahr irgendwo zu parken. Mir schwebte vor, eine Doppel- CD herauszubringen, die man im Theater kaufen kann. Auf der einen CD sollten Ausschnitte aus dem Stück zu hören sein, auf der anderen moderne Interpretationen.

RONDO: Letztere CD halten wir in den Händen.

Bridgewater: Richtig. Das Theaterstück musste wegen Finanzierungsproblemen auf Eis gelegt werden. Zum Glück gibt es jetzt doch Interessenten für die Inszenierung.

RONDO: Das wollen wir mal als Entschuldigung für ein Tribut-Album durchgehen lassen.

Bridgewater: Ich sehe das überhaupt nicht als Tribut-Album! Ich lasse Billie hochleben, aber auf meine eigene Art.

RONDO: Zumal Sie ja in der Tat eher aus der Ella- Fitzgerald-Ecke kommen …

Bridgewater: Ella war für mich immer das, was die Essenz einer Jazzsängerin ausmacht. Billie Holiday sah ich eher als Interpretin. Sie hatte nicht den Stimmumfang, den man meiner Meinung nach haben sollte, nicht die Improvisationsfähigkeit. Was mich zu Billie Holiday brachte, war ihre Autobiografie »Lady Sings the Blues«. Ich sah da viele Ähnlichkeiten zwischen ihr und mir.

RONDO: Ihre Verbeugung vor Billie Holiday ist mit einer Ausnahme überraschend fröhlich geraten. Warum?

Bridgewater: Ich wollte Billie mal auf eine optimistischere Art präsentieren. Wir haben doch inzwischen genug melancholische Hommagen an Billie Holiday. Meine Recherchen haben mir gezeigt: Sie war mehr als diese traurige, verlorene und unterdrückte Person, die wir aus ihr gemacht haben. Ich finde, sie war eine ausgesprochen mutige Frau. Sie bestand beispielsweise darauf, »Strange Fruit« zu singen, selbst wenn sie dafür aus dem Club geschmissen wurde.

RONDO: »Strange Fruit« ist Holidays große Anklage gegen den Rassismus. Sie weinen bei Ihrer Interpretation des Songs …

Bridgewater: Ja. Es fällt mir schwer, diesen Song zu singen. Auch bei Auftritten. Aber: Ich möchte, dass die Leute das Konzert nachdenklich und mit einem gewissen Unbehagen verlassen. Weil sich die Dinge nicht geändert haben! Ich mache bewusst ein politisches Statement. Ich werde bald 60 und habe es nicht mehr nötig, jedem den Hintern zu küssen.

RONDO: Die CD beginnt mit »Lady Sings the Blues«. Was für Gründe gibt es heute, den Blues zu singen?

Bridgewater: Ich persönlich habe genügend Gründe, den Blues zu singen. Ich leide gerade unter einer schweren Depression. Aber es geht mir schon deutlich besser. Ich hoffe, wenn jemand wie ich darüber spricht, bringt das andere Betroffene dazu, Hilfe anzunehmen. Ich bin okay, wenn ich auf der Bühne bin. Aber bis man mich dahin gebracht hat … Wenn ich da oben stehe, ist die Musik wie eine Heilung für mich. Es ist natürlich nicht ohne Ironie, dass ich hier mitten in einer Depression ein Billie-Holiday-Album aufgenommen habe. Tolles Timing!

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To Billie With Love From Dee Dee

Dee Dee Bridgewater

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Josef Engels, RONDO Ausgabe 2 / 2010



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