home

N° 1289
21. - 27.01.2023

nächste Aktualisierung
am 28.01.2023



Startseite · Klartext · Pasticcio

Hämmernde Kopfschmerzen: Vertonte Wagner seine Migräne? (c) Schmerzklinik Kiel

Pasticcio

Siegfrieds Brummschädel

Selbst die größten Komponisten waren auch nur Menschen mit entsprechenden Krankheiten und Zipperlein. Trotzdem hat es etwa den Dauerpatienten Beethoven weder daran gehindert, weiterhin Meisterwerke zu schreiben. Noch hat er sich musikalisch über seine Taubheit, Herzrhythmusstörungen oder seine rasenden Kopfschmerzen beklagt. Ganz anders Richard Wagner, wie jetzt ein musikbegeistertes Forschungsteam von der Kieler Schmerzklinik anhand einer Studie zu beweisen versucht. Denn laut des Migräne-Spezialisten Hartmut Göbel soll der chronisch an heftigsten Kopfschmerzen leidende Wagner sein Schicksal vertont haben. Und als Beleg für diese These hat man besonders den Beginn von „Siegfried“ untersucht. So kündigt sich über das anschwellende Orchesterbrummen die Migräne-Attacke an, gefolgt von einem pulsierenden, pochenden Rhythmus mit schrillem Hämmern sowie schließlich Mimes (bzw. Wagners) Ausruf „Zwangvolle Plage! Müh‘ ohne Zweck!´“
„Von der Ankündigung mit dumpfem Pochen bis zur Pulsation der Schmerzen auf dem Höhepunkt der Attacke: Der klassische Verlauf eines Migräneanfalls lässt sich Takt für Takt an der Musik nachvollziehen“, meint Göbel. Außerdem entdeckte er sogar in der Partitur flirrende und flackernde Melodielinien, die eindeutig auf die neurologischen Begleitsymptome einer Migräne mit dem üblichen Flimmern vor den Augen übereinstimmen.
Nun hat sich Wagner über seine Krankheit auch im Zusammenhang mit „Siegfried“ geäußert. In einem Brief an Franz Liszt schreibt er, „dass ich nun schon seit 10 Tagen, wo ich die Skizze zum ersten Acte des Siegfried beendigte, buchstäblich nicht einen Takt mehr niederschreiben konnte, ohne durch die ängstlichen Kopfschmerzen davon fortgejagt zu werden.“ Liegt Hartmut Göbel daher mit seiner Vermutung richtig, muss man ab sofort wohl ganze Passagen in Wagners Opernschaffen mit ganz anderen Ohren hören.
Und wer an einer gar nicht so lustigen Migräne leidet, kann auch im „Rheingold“ jene Szene in Alberichs Schmiede nachvollziehen, in der die Schlagzeuger ein effektvolles Crescendo auf den Ambossen hinlegen müssen. „Nachfolgende Generationen“, glaubt Göbel, „können so unmittelbar Richard Wagners Empfindungen und Wahrnehmungen miterleben“. Stellt sich nur noch die Frage, wie eigentlich ein kerngesunder Wagner komponiert hätte?

Guido Fischer



Kommentare

Kommentar posten

Für diesen Artikel gibt es noch keine Kommentare.


Das könnte Sie auch interessieren

Pasticcio

Unter 2 Sekunden!

So kann eine Jubiläumssaison nun wahrlich starten. Noch bevor das Leipziger Gewandhausorchester […]
zum Artikel

Gefragt

Musikfest Berlin

Spirituelle Qualität

Das große Orchesterfestival in der Hauptstadt hat an sich schon rituellen Charakter. Dieses Jahr […]
zum Artikel

Boulevard

(K)eine Filmmusik

Ein Schuss Jazz, eine Prise Film, ein Löffel Leichtigkeit: Bunte Klassik

Das Hören von Soundtracks ist wie das Betrachten von Urlaubssouvenirs. Sie stehen für tolle […]
zum Artikel


CD zum Sonntag

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Externer Inhalt - Spotify

An dieser Stelle finden Sie Inhalte eines Drittanbieters, die Sie mit einem Klick anzeigen lassen können.

Mit dem Laden des Audioplayers können personenbezogene Daten an den Dienst Spotify übermittelt werden. Mehr Informationen finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

In den ersten Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts gehörte Selim Palmgren (1878-1951), ein Schüler von Ferruccio Busoni und Conrad Ansorge, zu den meistgespielten skandinavischen Klavierkomponisten. Seine Klavierwerke zeigen sowohl romantische wie auch impressionistische Merkmale und wurden von einigen der größten Pianisten der damaligen Zeit wie Ignaz Friedman, Myra Hess, Wilhelm Backhaus und Benno Moiseiwitsch aufgeführt und eingespielt. In unseren Breiten ist Palmgren nahezu […] mehr


Abo

Top