home

N° 1259
25.06. - 01.07.2022

nächste Aktualisierung
am 02.07.2022



Startseite · Konzert · Da Capo

(c) Lucie Jansch

Traumhaft schönes Leiden: Lachenmanns „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“

Bochum, Ruhrtriennale

Wer wie Helmut Lachenmann immer gegen Trends und Traditionen ankomponiert hat, der konnte auch Ende des 20. Jahrhunderts nicht einfach eine Oper schreiben. Und so bezeichnete er das 1997 in Hamburg uraufgeführte „Mädchen mit den Schwefelhölzern“ schlicht als „Musik mit Bildern“. Doch wohl eher trifft dafür der Werkbegriff „Hörtragödie“ zu, den Lachenmanns Lehrer Luigi Nono geprägt hat. Denn entlang von Andersens gleichnamigem Märchen sowie Texten von Gudrun Ensslin und Leonardo da Vinci hat er eine für Sänger, Sprecher, großes Orchester und RaumElektronik gesetzte Klangsprache entwickelt, die mit ihrem von Schaben über Wispern bis Stammeln reichenden Spektrum von den Seelentrümmerlandschaften, vom Scheitern und Sterben erzählen.
Im Rahmen der Ruhrtriennale, die noch bis zum nächsten Jahr unter der künstlerischen Leitung des Komponisten Heiner Goebbels steht, wurde dieses enorm anspruchsvolle Opus Magnum der Dekonstruktion in der riesigen Bochumer Jahrhunderthalle inszeniert. Und der amerikanische Regisseur Robert Wilson machte dabei seinem Ruf als Zeremonienmeister einer kühlen und zugleich doch stets schicken Ästhetik alle Ehre. Eingerahmt von den Zuschauertribünen, wandelt er so auf einer streng geometrischen Spielkastenfläche schnappschussartig durch Märchen- und Traumwelten.
Zu der Musik, die das von Emilio Pomàrico sensationell einjustierte hr-Sinfonieorchester samt Vokalsolisten durch den Raum jagt und hetzt, ist Wilson höchstselbst in die Rolle eines diabolischen Verführers geschlüpft. Derweil ertastet sich sehnsuchtsvoll, stumm und in für Wilson typischer Slow Motion Schauspielerin Angela Winkler als weißgewandete Kindsfrau ihre Wege zu surrealen Bildern, die von René Magritte stammen könnten. Und spätestens, wenn riesige Gesteinsbrocken herumschweben oder ein brennender Stuhl in der Luft steht, ist das zwar alles schönste Theatermagie. Doch mit Lachenmanns aufreibenden, das unmittelbar Existenzielle ins Visier nehmenden Klangbrennschärfen hat dieser Wilson-Zauber wenig zu tun.

Guido Fischer, RONDO Ausgabe 5 / 2013



Kommentare

Kommentar posten

Für diesen Artikel gibt es noch keine Kommentare.


Das könnte Sie auch interessieren

Gefragt

Francesco Piemontesi

Angenehme Akkuratesse

Er ist der Langläufer unter den Weltklasse-Pianisten – und jetzt, nicht nur als Kopf der […]
zum Artikel

Pasticcio

Holt sofort Franz!

Klaviertechniker müssen nicht nur ein ultrafeines Gehör besitzen, sondern gleichermaßen […]
zum Artikel


CD zum Sonntag

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Externer Inhalt - Spotify

An dieser Stelle finden Sie Inhalte eines Drittanbieters, die Sie mit einem Klick anzeigen lassen können.

Mit dem Laden des Audioplayers können personenbezogene Daten an den Dienst Spotify übermittelt werden. Mehr Informationen finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Eva Jagun stammt aus einer Kölner Musikerfamilie und lernte zunächst Geige, Flöte, Gitarre und Klavier. Ihre ersten Erfahrungen sammelte sie in diversen Chören und Bands, später studierte sie in Hamburg Musik, seit einigen Jahren lebt sie in Berlin. Dort arbeitet sie als Sängerin wie auch als Geigerin im Studio und auf der Bühne mit einer Vielzahl von Künstlern zusammen, unter anderen mit Nina Hagen oder Dieter Hallervorden. Wichtige Impulse erhielt sie vom kanadischen Jazzbassisten […] mehr


Abo

Top