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N° 1297
18. - 24.03.2023

nächste Aktualisierung
am 25.03.2023



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Starb mit 89 Jahren: Jazz-Saxofonist Wayne Shorter © Tom Beetz / CC BY 2.0

Pasticcio

Der vorletzte Jazz-Gigant

Eine Geschichte erzählte Wayne Shorter immer wieder gerne. Es ist die vom Saxophon-Halbgott Charlie Parker, der den jungen Kollegen mit Jazz-Etüden quälte. „Muss ich diese ganzen Skalen wirklich lernen?“, muss Shorter einmal aufgestöhnt haben. Worauf Parker nur meinte: „Natürlich. Und wenn Du sie kannst, vergiss sie sofort wieder.“ Für Shorter spiegelte diese pädagogische Maßnahme den eigentlichen Wesenszug von Jazz wider. Erst wenn sämtliche Kniffe und Lektionen von Musik sich im Geist, aber eben auch in den Muskeln abgelagert haben, erlangt man nämlich die völlige Freiheit, neue Wege zu gehen. Und dann ist alles möglich. Genau dieses ungeschriebene Gesetz verkörperte Shorter mehr als ein halbes Jahrhundert lang. Denn zunächst am Tenor- und später auch am Sopransaxophon hatte er stets Unbekanntes erschlossen und dabei ganz intuitiv aus dem Vollen der Tradition geschöpft.
Zum Sprungbrett in die Belle Etage des Jazz wurde die Begegnung mit eben Charlie Parker. 18 Jahre alt war Shorter, als er sein großes Vorbild zum ersten Mal im New Yorker Birdland hörte. Von da an sollte er selber zu einer der wichtigsten Sax-Stimmen im Modern Jazz reifen. Und schon auf seiner ersten wichtigen Station, bei Art Blakey´s Jazz Messengers, machte der in Newark / New Jersey geborene Saxophonist schnell von sich reden. So wurde er 1964 von Miles Davis für sein legendäres, mit Herbie Hancock, Ron Carter und Tony Williams hochkarätig besetztes Quintett angeheuert. Und wie der als Egomane verschriene Trompeter Davis später in seiner Autobiographie gestehen musste, wurde Shorter gleich zum eigentlichen Kopf der Band, zu ihrem „musikalischen Katalysator“. In dieser Zeit sind zahllose Alben entstanden, die zum Tollkühnsten und damit Aufregendsten gehören, was der Modern Jazz zu bieten hat. Shorter komponierte dafür Stücke wie „Footprints“, „Dolores“ und „Nefertiti“, die seitdem zum Standardrepertoire gehören.
Doch nicht nur im akustischen Jazz hat Shorter Spuren hinterlassen, sondern ebenfalls im elektrifizierten Jazzrock. So war er maßgeblicher Motor bei den Miles Davis-Alben „In a Silent Way“ und „Bitches Brew“. Und mit Keyboarder Joe Zawinul gründete er 1970 die auch kommerziell enorm erfolgreiche Fusion-Band „Weather Report“, die es immerhin bis 1986 gab.
Danach blieb Shorter seiner musikalischen Offenheit treu. So arbeitete er mit Pop-Sirenen wie Joni Mitchell und den Rolling Stones zusammen. 2001 gründete er dann mit Pianist Danilo Pérez, Bassist John Patitucci und Schlagzeuger Brian Blade ein Langzeit-Quartett, das lässig den Bogen vom Bebop hin zum Jazzrock schlagen konnte. Wobei sich in Shorters Spiel immer wieder auch die Meditationspower eines John Coltrane und die Sonorität eines Coleman Hawkins zeigte.
Jetzt ist Wayne Shorter im Alter von 89 Jahren gestorben. Von der alten, großen Jazz-Gang ist damit nur noch Herbie Hancock übrig.

Reinhard Lemelle



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