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N° 1289
21. - 27.01.2023

nächste Aktualisierung
am 28.01.2023



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Wie oft kriegt man Gelegenheit, diese herrliche Musik zu dirigieren? Franz Welser-Möst und die Wiener Philharmoniker © Dieter Nagl

Franz Welser-Möst:

Ein eigener musikalischer Dialekt

Das Neujahrskonzert im goldenen Saal des Wiener Musikvereins ist das populärste Ereignis der Klassik-Welt: Das Konzert wird in über 90 Länder der Welt übertragen und erreicht damit mehr als 50 Millionen Zuschauer. In diesem Jahr steht Franz Welser-Möst am Pult der Wiener Philharmoniker – und hat 14 Neujahrskonzert-Premieren auf das Programm gesetzt. Ein Wagnis für dieses Konzert-Ritual, das von seiner großen Tradition lebt. Wir erreichen den Dirigenten zehn Tage vor dem Ereignis am Telefon.

RONDO: Ihr bevorstehender Auftritt ist kein Debüt, Sie haben das Neujahrskonzert schon zwei Mal dirigiert. Was ist das für ein Gefühl, wenn man weiß, dass 50 Millionen Menschen zuschauen?
Franz Welser-Möst:Man versucht, es auszublenden. Die Mikros und Kameras kann man auch ausblenden, aber vorher geht es hinter der Bühne zu wie in einem Bienenstock, das macht’s so schwer. Normalerweise kann man zehn Minuten vor dem Auftritt die Tür schließen, um Ruhe zu haben, das geht hier nicht. Da kommt die Makeup-Frau, dann der Tonmeister vom ORF, der von der Plattenfirma, dann zupft einer an der Krawatte, und so weiter.

Und wie ist die Stimmung im Saal?
Die drinnen sitzen, wissen ja auch, dass sie von Millionen gesehen werden. Man spürt eine ganz große Erwartungshaltung, es liegt etwas Elektrisierendes in der Luft.

Sie haben 14 noch nie zuvor in diesem Konzert gehörte Werke programmiert, wie sind Sie bei der Auswahl vorgegangen?
Vor fünf Jahren habe ich zu meinem Privatvergnügen alles gekauft, was es von der Strauß-Familie im Druck gibt. Und während der Pandemie habe ich irrsinnig viel geschmökert. Als Daniel Froschauer das erste Mal zu mir kam wegen des Programms, hab’ ich gesagt: Daniel, ich hab’ Programme für mindestens zehn Konzerte! Nur 30 Prozent aller Stücke, die die Strauß-Familie geschrieben hat, sind bislang gespielt worden, aber 70 Prozent noch nicht! Da liegt also ein Schatz. Wir haben einiges gehoben, gerade bei Josef Strauß wurden wir fündig.

Dabei steht Josef Strauß doch bis heute im Schatten von Johann Strauß?
Richtig, aber Johann hat immer gesagt, ich bin zwar der Prominentere, aber der Josef ist der Begabtere. Johann wusste zwar genau, wie man Effekte erzeugt, aber der Josef ist der Sensiblere der beiden. Seine Musik ist unglaublich schön!

Was macht Walzer und Polkas neujahrskonzerttauglich?
Sie müssen einfach Qualität haben, mehr braucht’s nicht. Sie müssen Freude machen, aber auch Tiefgang haben.

Vor einem Jahr hatte ich ein Gespräch mit der Harfenistin der Philharmoniker, Anneleen Lenaerts, sie stammt aus Belgien und gestand mir, sie habe Jahre gebraucht, um das Wienerische wirklich zu verstehen. Sie sagte, das sei in Wahrheit die schwierigste Musik überhaupt, denn sie muss enorm präzis sein, um improvisiert zu klingen. Stimmt das?
Zu hundert Prozent! Denn es ist ein ganz spezieller, eigener musikalischer Dialekt. Man kann einen Dialekt erlernen, aber das braucht Zeit.

Wie viel Freiheit braucht das Orchester dabei und wie viel Kontrolle ist doch nötig? Was bleibt unberechenbar und verdankt sich der Gunst der Stunde?
Einerseits: Der Gunst der Stunde geschuldet ist genauso viel wie bei anderen Stücken auch. Andererseits gibt es besondere Spielräume. Und was die Rubati angeht: zu viel wird schnell geschmacklos, zu wenig klingt mechanisch. Johann Strauß hat gesagt: Wenn Ihr diese Stücke nicht zum Tanzen spielt, dann nehmt sie als Konzertstücke! Nehmt euch die Freiheiten, aber es muss halt immer mit Geschmack gemacht werden. Geschmack: Darauf kommt’s an!

An den traditionellen Zugaben wird nichts geändert, oder?
Am Radetzkymarsch ändern wir nichts, aber beim Donauwalzer gibt es schon sehr unterschiedliche Auffassungen, das fängt schon bei der Einleitung an: Wir haben den Walzer im Juni für den ORF voraufgenommen, da waren einige überrascht, dass ich die Einleitung ziemlich flüssig nehme. Und es gibt Rubati, die ich weniger übertreibe als manche meiner Kollegen.

Wie denkt man in diesem Krisenjahr über ein Neujahrskonzert nach? Oder steht das Neujahrskonzert völlig für sich?
Natürlich haben wir auch darüber gesprochen. Ich hab’ genau das Gleiche gesagt, wie damals beim ersten Lockdown 2020, als die Wiener nur fürs Streaming und 100 Menschen im Saal gespielt haben: Gerade in schwierigen Zeiten muss man den Menschen auch Hoffnung und Zuversicht geben und nicht nur Trauermusik spielen! Es ist unsere Aufgabe, dass wir den Menschen ermöglichen, aus einem grauen Alltag herauszutreten und für zwei Stunden einfach nur glücklich zu sein.

Ist man nervös, wenn man morgens vor dem Neujahrskonzert aufsteht?
Beim ersten Mal: Ja! Ich war fix und fertig. Es ist schon eine einzigartige Erfahrung. Barbara Rett vom ORF, die das Konzert früher immer moderiert hat, hat zu mir gesagt: Es hat noch keinen Debütanten gegeben, den wir nicht auf die Bühne schieben mussten, sie waren alle weiß wie die Wand. Da ist ein Druck, den man bei einem normalen Konzert nicht hat.

Die Häppchenformate dieses Konzerts machen die Sache nicht einfacher, denn ein Walzer ist nicht so lang wie ein sinfonischer Satz. Man muss immer wieder neu die Spannung aufbauen, und wieder einen neuen Ton treffen, ist es das?
Genau, da haben Sie vollkommen recht. Auch aus diesen Gründen ist das Neujahrskonzert besonders anspruchsvoll, man kann sich nicht fallen lassen wie in eine Bruckner-Sinfonie.

Sind Sie guten Mutes?
Ich freu’ mich einfach! Wie oft kriegt man die Chance, diese herrliche Musik zu dirigieren? Natürlich kann man so ein Programm auch mit einem anderen Orchester spielen. Aber wissen sie, wie viel Arbeit das ist? Das kriegt man in zwei oder drei Tagen einfach nicht hin. Wenn die Harfenistin der Wiener Philharmoniker Jahre braucht, kann man sich vorstellen, wie schwer es ist, einem nicht wienerischen Orchester diese Musik beizubringen! Mir ist diese Musik wahnsinnig nahe, ich bin damit aufgewachsen, deshalb freue ich mich wie ein Kleinkind vor dem Christkind, dass ich endlich diese Musik wieder mit den Wienern machen kann, das ist etwas irrsinnig Schönes!
Markiert das Neujahrskonzert den Höhepunkt einer Dirigentenkarriere, insbesondere, wenn es eine österreichische und wienerisch geprägte ist?
Unbedingt!

Neu erschienen:

Josef Strauß, Johann Strauß II, Eduard Strauß, Franz von Suppè

Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker 2023

Wiener Sängerknaben, Wiener Chormädchen, Wiener Philharmoniker, Franz Welser-Möst

Sony

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Regine Müller, 07.01.2023, Online-Artikel



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