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N° 1289
21. - 27.01.2023

nächste Aktualisierung
am 28.01.2023



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(c) Felix Broede

Mariani Klavierquartett

Von der Seele in die Partitur

Das Mariani Klavierquartett widmet sich auf seinem neuen Album den spätromantischen Klavierquartetten von Brahms und Gernsheim.

Feste Klaviertrios oder Streichquartette gibt es wahrlich zuhauf, anders sieht es bei Klavierquartetten aus. Da suchen sich oft Mitglieder eines Streichquartetts wechselnde Pianisten für einzelne Projekte aus. Das Mariani Klavierquartett hingegen ist ein Vierer, der in fester Besetzung spielt. Er besteht aus Philipp Bohnen, der im Hauptberuf bei den Berliner Philharmonikern geigt, Barbara Buntrock, die unter anderem als Solobratschistin im Gewandhaus zu Leipzig wirkte, dem Solo-Cellisten des HR-Sinfonieorchesters Peter-Philipp Staemmler und – last not least – dem österreichischen Pianisten Gerhard Vielhaber, einem Schüler von Karl-Heinz Kämmerling und Jacques Rouvier.
Zusammengefunden haben die vier Musiker im Jahr 2009 über ihren Pianisten, wie sich die Bratschistin Barbara Buntrock erinnert: „Gerhard hatte die Möglichkeit, für ein kleines Festival am Bodensee ein Klavierquartett zusammenzustellen und hatte dabei an uns Vier gedacht. Wir kannten uns alle schon, da wir zuvor in verschiedenen Kombinationen miteinander gespielt hatten. Das war ein absoluter Glücksgriff, da wir sofort bei der ersten Probe gemerkt haben, dass alles supergut zusammenpasst, menschlich wie musikalisch. Nach dem Festival haben wir beschlossen, unbedingt als Quartett weiterzuspielen.“ Der Name Mariani ist übrigens nicht von einem pazifischen Tiefseegraben entlehnt, sondern verweist auf den italienischen Geigenbauer Antonio Mariani aus Pesaro; seiner Werkstatt entstammt die etwa 370 Jahre alte Bratsche von Barbara Buntrock.
Erste größere Aufmerksamkeit erfuhr das Ensemble beim Deutschen Musikwettbewerb im Frühjahr 2011, dort wurde es mit einem Stipendium ausgezeichnet. Seitdem sind die vier Musiker regelmäßig zu Gast bei wichtigen Festivals wie den Festspielen Mecklenburg-Vorpommern und dem Schleswig-Holstein Musikfestival, außerdem bespielt das Mariani Quartett regelmäßig die großen Bühnen Europas wie die Philharmonie in Berlin, das Beethoven-Haus Bonn, die Elbphilharmonie oder die Philharmonie de Luxembourg.
Was das Repertoire angeht, widmen sich die Musiker sowohl den bekannten und beliebten Quartetten von Komponisten wie Mozart, Schumann und Fauré, als auch Raritäten. Zu Letzteren zählen etwa die Klavierquartette von Bohuslav Martinů und George Enescu oder Neuentdeckungen wie die beiden Stücke der frühromantischen Komponistin Emilie Mayer, die zu Lebzeiten auch als „weiblicher Beethoven“ bezeichnet wurde. Auch der ganz aktuellen Musik verschließt sich das Ensemble nicht, betont der Mariani-Pianist Gerhard Vielhaber: „Mit den ‚Zuständen‘ von Charlotte Bray – geboren 1982 – haben wir bereits ein zeitgenössisches Quartett auf CD aufgenommen, auch das Klavierquartett des 1968 geborenen Richard Dubugnons haben wir im Repertoire. Und natürlich halten wir stets Augen und Ohren nach interessanten neuen Werken offen!“
Die letzten beiden Alben der vier Musiker sind allerdings nicht der Moderne gewidmet, sondern der deutschen Spätromantik. Sie stellen jeweils ein Quartett von Johannes Brahms einem Quartett seines Zeitgenossen Friedrich Gernsheim gegenüber. Gernsheim studierte in Leipzig Klavier beim berühmten Pianisten und Pädagogen Ignaz Moscheles sowie Violine beim seinerzeit nicht minder bekannten Geiger Ferdinand David. Anschließend verbrachte er mehrere Jahre in Paris, wo er Louis Gouvy, Édouard Lalo und Camille Saint-Saëns kennenlernte. Wichtige berufliche Stationen führten ihn nach Saarbrücken, Berlin, Köln und Rotterdam. Zu seinen Lebzeiten wurde Gernsheims Musik ebenso geschätzt wie die von Brahms, nach seinem Tod im Jahr 1916 wurde der Komponist aufgrund seiner jüdischen Abstammung Opfer des antisemitischen Klimas in Europa und fiel alsbald der Vergessenheit anheim.
Auf die Frage, was ihn besonders an Gernsheims Klavierquartetten fasziniert, nennt Gerhard Vielhaber „die unverschlüsselten Emotionen, die einfach von der Seele in die Partitur geschrieben“ wurden. Ähnlich wie in den Brahms-Quartetten sei Gernsheims Musik „hochromantisch und harmonisch“, zugleich sei sie aber auch „voller Überraschungen“. Auf die Unterschiede zwischen beiden Komponisten angesprochen erklärt Vielhaber, dass Brahms häufig „noch sinfonischer und dichter als Gernsheim klingt“, der einen schlankeren Klang im Klavierquartett bevorzuge.
Die vier Musiker spielen diese spätromantische Musik mit viel Leidenschaft, feinem Sinn für Nuancen und die Werkarchitektur. Sie bilden einen wunderbar harmonischen Ensembleklang, insbesondere Gerhard Vielhaber verbindet sich klanglich fantastisch mit den Streichern. Chapeau!

Neu erschienen:

Brahms, Gernsheim

Klavierquartette

Mariani Klavierquartett

Audax/hm-Bertus ADX 11202

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Mario-Felix Vogt, 24.12.2022, Online-Artikel



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