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N° 1290
28.01. - 03.02.2023

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am 04.02.2023



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Einsatz von Brünnhildes Pferd Grane war ein Scherz der Produzenten mit Sopranistin Birgit Nilsson (l.) (c) Decca

Deutsche Grammophon ­ Heritage

Für Jäger & Sammler

Pünktlich zum Fest präsentieren die Labels DG und Decca aus ihrem ­unerschöpflichen Klangarchiv großformatige und zeitgemäße Vinyl­Editionen und CD-Boxen.

Es war in der Nacht vom 23. auf den 24. September 1958. In der Bar des Wiener Hotels Imperial saßen Georg Solti und John Culshaw zusammen und planten Großes – die Gesamtaufnahme von Wagners „Ring“. Als nun der ungarische Dirigent Solti und Produzent Culshaw die letzten Vorbereitungen für den ersten Aufnahmetag durchgingen, schlenderte unerwartet Culshaws legendärer Kollege Walter Legge vorbei. „Was machen Sie hier?“, fragte er die beiden. „Wir nehmen ‚Rheingold‘ auf“, antwortete Solti. Worauf Legge nur abwinkte: „Sehr schön, aber Sie werden keine 50 Schallplatten verkaufen.“ Aus den Worten sprach natürlich der pure Neid. Denn der EMI-Mann Legge ahnte da bereits, was für einen Coup das Konkurrenz-Label Decca mit diesem „Ring“ landen würde. Regelrechte Schnappatmung muss Legge noch bekommen haben, als er 1959 die aktuellen US-„Billboard“-Charts in Händen hielt: Soltis „Rheingold“ war die bestverkaufte Neuheit – gleich hinter Elvis Presley!
Ähnliche Erfolgsgeschichten sollten danach auch die drei weiteren „Ring“-Teile schreiben. Künstlerisch – sowie klangtechnisch. Denn bei dem 1965 abgeschlossenen „Ring“ wirkte nicht nur die sängerische Crème de la Crème mit, von Kirsten Flagstad, Christa Ludwig und Birgit Nilsson bis hin zu Hans Hotter, Wolfgang Windgassen und Dietrich Fischer-Dieskau. Es war zugleich die erste Studio-Gesamteinspielung überhaupt.
Bis heute gilt sie als die ultimative Aufnahme dieser Opern-Tetralogie. Und auch wenn sie daher in keiner Tonträger-Sammlung fehlt, so dürfen sich jetzt selbst die Hellhörigsten unter den audiophilen Wagnerianern darüber wundern, dass sie bislang eben doch nicht alles zu hören kriegten. Denn Wagners „Ring“ erscheint nun in einer Neu-Edition, für die die originalen Masterbänder den aktuellen technischen Möglichkeiten angepasst wurden. Beim Hybrid-SACD-Format glaubt man, mitten im damaligen Wiener Sofiensaal und fast auf Tuchfühlung zu Georg Solti & Co. zu sitzen. Genauso ergeht es einem auch bei der Vinyl-Edition, bei der das Half-Speed-Mastering einen schon fast kaum mehr zu toppenden, hochaufgelösten Klanggenuss garantiert.

Kronjuwelen im Jubiläumsjahr

Frisch aus dem Presswerk ist gerade das „Rheingold“ in einer luxuriösen Vinyl-Box erschienen. Am 9. Dezember kommt „Die Walküre“ heraus. „Siegfried“ und „Götterdämmerung“ werden dann in den unterschiedlichen Formaten im nächsten Jahr folgen. Diese Kronjuwelen der Wagner-Interpretationen ergänzen aufs Schönste die Highlights eines besonderen Jubiläumsjahres: 2023 feiert die Deutsche Grammophon ihren 125. Geburtstag. Neben zahlreichen Neueinspielungen aus prominenter Musikerhand blättert man anhand auch solcher großformatigen Vinyl- und CD-Boxen in der überreichen Firmen- und damit Aufnahmegeschichte. So würdigt man mit Trevor Pinnock und seinem English Concert eine Lichtgestalt des Alte-Musik-Katalogs der Archiv Produktion in einer Gesamtedition. In einer anderen CD-Edition werden hingegen berühmte Neue Musik-Aufnahmen etwa von Mauricio Kagel und John Cage gebündelt, die zwischen 1968 und 1971 in der „Avantgarde“-Serie erschienen. Und während man mit einer erweiterten Gesamtedition das amerikanische Emerson String Quartet hochleben lässt, das aktuell auf seiner Abschiedstournee ist, gibt es ebenfalls direkt zu Beginn des Jahres eine nun wirklich alle Vorstellungen sprengende CD-Box. Sage und schreibe 265 Scheiben (257 CDs + 8 DVDs) umfassen sämtliche Aufnahmen, die der große italienische, 2014 verstorbene Dirigent Claudio Abbado für die Deutsche Grammophon und Decca eingespielt hat. Auch anlässlich des 90. Geburtstags, den Abbado 2023 hätte feiern können, erinnern sich im standesgemäß aufwendig aufgemachten Begleitbuch alte Musikerfreunde und Weggefährten wie Alfred Brendel, Evgeny Kissin und Yuja Wang an die Zusammenarbeit mit ihm.

Zeitaufwändige Recherche

„Mit unseren Veröffentlichungen, unseren Boxen wollen wir immer etwas Besonderes von solchen außergewöhnlichen Musikerpersönlichkeiten erzählen“, so Johannes Gleim. Seit vielen Jahren ist Gleim bei der Deutschen Grammophon für die „Heritage“-Produktionen, also für den riesigen Aufnahmekatalog hauptverantwortlich. Und so wie jede Box mit ihren Archivschätzen oder klangtechnisch überarbeiten Einspielungen Komponisten oder Interpreten auch von bislang unbekannten Seiten porträtieren will, so werden für Gleim und sein Team schon die ersten Ideen und Planungen zu einer musikalischen Abenteuerreise inklusive intensiver Recherchearbeit.
Bis zu drei Jahre Vorbereitungszeit kann so eine Produktion dann schon mal einnehmen. Wie im Fall etwa der spektakulären Jubiläums-Boxen zu Bach, Beethoven und Mozart, für die auch die entsprechende musikwissenschaftliche Expertise eingeholt wurde. „Für ‚Beethoven - The New Complete Edition‘ haben wir eng mit dem Beethoven-Haus Bonn zusammengearbeitet“, erinnert sich Gleim. „So konnten wir sicherstellen, dass wirklich alle Beethoven-Werke zu hören sind. Wobei einige dafür tatsächlich neu eingespielt werden mussten.“

Der Jahrhundert-Liedsänger

Als ähnlich zeitintensiv erwies sich aber auch einer der jüngsten Boxen-Coups. Auf stolzen 107 CDs ist gerade das gesamte Liedschaffen erschienen, das der Bariton Dietrich Fischer-Dieskau für die Deutsche Grammophon eingesungen hat. „Wir mussten regelrechte Forschungsarbeit betreiben, da seine Diskografie kaum zu überblicken ist. Und wir haben sechs bislang unveröffentlichte Einspielungen entdeckt, die aus unterschiedlichen Gründen zum Teil über 70 Jahre in den Archiven schlummerten. Markus Kettner als verantwortlicher Produktmanager kontaktierte dafür auch Fischer-Dieskaus Witwe Julia Varady. Großzügig hat sie die bisher unbekannten Aufnahmen freigegeben, stellte Fotografien, Dokumente und ein Selbstporträt ihres verstorbenen Mannes aus dem Jahr 1995 zur Verfügung.“ 2025 wird dann, so kann Johannes Gleim schon mal verraten, eine Box den Opern- und Oratoriensänger Fischer-Dieskau würdigen.
Mit dem Protagonisten einer weiteren, nahezu zeitgleich erschienenen Box verband Fischer-Dieskau gleichfalls eine lange künstlerische Freundschaft. Es ist der Dirigent Leonard Bernstein, dessen Aufnahmen sämtlicher Mahler-Sinfonien bei der DG nun zum ersten Mal gebündelt auf Vinyl erschienen sind. „Bernstein hatte sie mit drei verschiedenen Orchestern aufgenommen. Und alle drei, die Wiener Philharmoniker, die New Yorker Philharmoniker sowie das Amsterdamer Concertgebouworkest, galten damals als die Mahler-Orchester“, so Gleim. „Die Quellen der Aufnahmen sind sehr unterschiedlich, analog (aus den 1970 Jahren) oder digital (aus den 1980er Jahren), teilweise 2-Spurband, teilweise 24-Mehrspurband. Da galt es für die Gesamtausgabe auf Vinyl einen Ansatz zu finden, der all dem gerecht wird.“
Für die Wiederveröffentlichung auf Vinyl hat man jetzt den Tonmeister und Produzenten Rainer Maillard mit dem Mastering beauftragt. Und ihm ist genau das gelungen, was er jetzt sich in seinem begleitenden Werkstattbericht so formuliert hat: „Wer eine Mahler-Sinfonie auf Vinyl hört, soll sie ungestört genießen können, ohne zu spüren, was für harte Arbeit dahintersteckt.“

Neu erschienen:

Wagner

„Das Rheingold“

Sir Georg Solti, Wiener Philharmoniker u. a.

3 LPs, Decca/Universal

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Gustav Mahler

Sämtliche Sinfonien

Leonard Bernstein, Wiener Philharmoniker u. a., Christa Ludwig, Barbara Hendricks u. a.

16 LPs, DG/Universal

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Complete Lieder on Deutsche Grammophon

Dietrich Fischer-Dieskau

107 CDs, DG/Universal

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DG 125

Am 6. Dezember 1898 und damit rund ein Jahrzehnt
nach Erfindung der Schallplatte gründete Emil Berliner in Hannover die „Deutsche Grammophon Gesellschaft“. Zu den prägenden Interpreten-Stars dieses ältesten Klassiklabels der Welt zählen u. a. Herbert von Karajan, Maurizio Pollini, Pierre Boulez,
Anne-Sophie Mutter, Daniel Barenboim und Martha
Argerich.

Guido Fischer, 26.11.2022, RONDO Ausgabe 6 / 2022



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