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N° 1289
21. - 27.01.2023

nächste Aktualisierung
am 28.01.2023



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Das König Albert Theater (c) Jan Bräuer

Musikstadt

Bad Elster

Das Sächsische Staatsbad Bad Elster hat kaum 4000 Einwohner, aber das König Albert Theater. Und die Abo-Busse fahren nicht weg, die kommen hierher.

„So viele Krönchen wie hier, die werden Sie kaum anderswo auf so geringem Raum finden.“ Das sagt einer, der es wissen muss. Und da ist auch was dran. So wie auch am steten, sofort ersetzten Schwund der Zackendiademe von Schildern und Plaketten. Sie sehen aber auch allerliebst aus, die royalen Embleme, die in Bad Elster alles Mögliche verzieren. Vor allem aber das König Albert Theater. Behäbig würdevoll steht es hinter seinen vier dorischen Säulen, drinnen gibt es einen Rang, einen schmucken zentralen Kronlüster, aber leider keine Königsloge in der Mitte. Dazu wurde freilich das linke Rangende umfunktioniert, mit purpurnem Samtüberwurf auf der Brüstung und Krone – selbstredend.
Ein bisschen haut man hier schon auf den Putz, in jedem Theaterintendanten steckt halt doch ein kleiner Theaterdirektor Striese. Aber Fakt ist schon, dass dieses feinsaniert putzige Haus der Kultur- und Festspielstadt Bad Elster, einem sächsischen Staatsbad im Dreiländereck Sachsen-Tschechien-Bayern, am 22. Mai 1914 als das letzte deutsche Hoftheater eröffnet wurde. Auch wenn der von Friedrich August III. von Sachsen angeregte und eingeweihte Bau damals noch schlicht Kurtheater hieß.
Schon 1888 begann vor Ort der Spielbetrieb eines ersten Theaters. Aufgrund der großen Publikumsnachfrage aus ganz Europa wurde darüber hinaus für sommerliche Festspiele 1911 an der Waldquelle das NaturTheater errichtet. Und da steht es heute noch. 1913 beauftragte man schließlich die Chemnitzer Architekten Alfred Zapp und Erich Basarke mit der Planung und dem Neubau eines modernen, repräsentativen Theaters. Und sofort etablierte man sich, neben den regelmäßigen Konzerten der Chursächsischen Philharmonie, in der Sommersaison zu einer Bühne für nationale und internationale Stars. So gastierten hier Heinrich George, Richard Tauber und Helge Rosvaenge; Paul Lincke und Eduard Künneke traten als Dirigenten eigener Kompositionen auf. Das von weit anreisende Kurpublikum wollte unterhalten sein.

Hoher Besuch, auf Dauer

Von Anfang an gastierten in Bad Elster zudem das Königliche Hoftheater Dresden, die Sächsische Staatskapelle Dresden, die Hoftheater aus Altenburg und Gera, die Dresdner Philharmonie und die Landesbühnen Sachsen, um nur einige zu nennen. Im Rahmen des Spielplans wurden dazu bis zum Zweiten Weltkrieg verschiedene Festspiele und Themenwochen durchgeführt. Neben regelmäßigen Opernfestspielen, Johann-Strauß- und Operettenfestivals oder einem „Musikfest der Gegenwart“ gab es „Hans-Sachs-Spiele“, die das Renommee des winzigen Badeorts an der Elster als Musikstadt überregional festigten.
Noch während des Zweiten Weltkrieges spielte die Staatskapelle Dresden unter Karl Böhm im Elsteraner Theater und wurde nach der Zerstörung Dresdens für mehrere Monate hierher ausgelagert. Auch die DDR bespielte die Bühne bunt und üppig. Vom Klavierweltstar Swjatoslaw Richter bis Katja Ebstein kannte man hier keine Künstlerbeschränkungen. Zahlreiche Ensembles und Produktionen aus Ost und West gastierten im Theater Bad Elster, wodurch auch in dieser Zeit die Region kulturell und gesellschaftlich bereichert wurde.
Nach 1990 kamen dann die Krönchen und die neue Bezeichnung König Albert Theater. Statt Arbeiter und Bauern zog es jetzt Fans des kuschelig Royalen hierher. 1998 bis 2004 wurde eine umfassende Sanierung durchgeführt, das Theater auf 90 Jahre genau am 22. Mai 2004 wiedereröffnet. Es steht seitdem unter der Schirmherrschaft von Alexander Markgraf von Meißen und bietet Musiktheater, Kabarett, Schauspiel und Konzerte sowie Lesungen und Kleinkunst.

Moorheilbad mit royalem Häubchen

In Bad Elster gibt es einen hübschen Kurpark – pardon: eine Erlebnis- und Lichterwelt in den Königlichen Anlagen, wie es inzwischen heißt, eine schicke neue Soletherme samt Hotel auf dem Grund eines baulich nicht mehr zu retten gewesenen Beherbergungsbetriebs aus der Gründerzeit. Und daneben erstrahlt auch die ertüchtigte Staatsbadeanstalt mit ihrer alten Außenhülle und dem neuen Innen- und Rückseitenleben. Hier kann man es nicht nur ein verlängertes Wochenende aushalten. Und trotzdem ist dieses so schön aristokratischen Glanz vorspielende Theater ein Phänomen.
Denn eigentlich braucht es keiner. Zwar ist man eines der ältesten Mineral- und Moorheilbäder Deutschlands – aber das mit gerade einmal 3610 Einwohnern. Die nächsten Opern, ja sogar Dreispartentheater in Hof oder Plauen sind gerade einmal je 30 Kilometer entfernt. Und trotzdem fahren die Busse von anderswo nach Bad Elster. Weil man neben einem umfangreichen Konzertprogramm der Chursächsischen Philharmonie als Orchester des Sächsischen Staatsbades nach wie vor Produktionen der Semperoper Dresden, der Frauenkirche Dresden, des MDR-Musiksommers, des Moritzburg Festival Orchesters, der Landesbühnen Sachsen und auch grenzübergreifend der Theater aus Liberec (Reichenberg) und Ústí nad Labem (Aussig an der Elbe) erleben kann.
Zu den Ehrenkünstlern und Freunden des König Albert Theaters zählen seit der Wiedereröffnung Wolfgang Stumph, Johannes Heesters, Stefanie Hertel, Rolf Hoppe, Jan Vogler, Tom Pauls, Gunther Emmerlich, Ute Freudenberg, Olaf Schubert, Walter Plathe, Bernd-Lutz Lange, Nike Wagner und Hugo Strasser, man kann hier Senta Berger und Harald Krassnitzer oder Dominique Horwitz, Vicky Leandros, Marie-Luise Marjan, Klaus Maria Brandauer, Bjarne Mädel, den Dresdner Kreuzchor, die Wiener Sängerknaben, die Wolga Kosaken oder Ulrich Tukur sehen und hören.
Das ist der Umtriebigkeit des Geschäftsführenden Intendanten der Chursächsischen Veranstaltungs GmbH Florian Merz-Betz zu verdanken, der als Dirigent auch bei jeder Oper im Graben steht; die hier meist extra nur für eine Vorstellung einstudiert wird. Und März bespielt auch die KunstWandelHalle, das Königliche Kurhaus, das NaturTheater und drei Musikpavillons als „weltweit einmalige historische Festspielmeile der kurzen Wege, die als königlich-sächsische Erlebniswelt im Herzen Europas grenzenlos begeistert“. So viel Eigenlob darf sein. Der Mann mit den Krönchen macht einen wunderbaren Job. Und das Theater strahlt. Da kann man auch den einen oder anderen Deko-Abgang wieder ersetzen.

Weitere Infos:
www.badelster.de
www.koenig-albert-theater.de

Matthias Siehler, 10.12.2022, RONDO Ausgabe 6 / 2022



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