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N° 1297
18. - 24.03.2023

nächste Aktualisierung
am 25.03.2023



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(c) Felix Broede

Marina Baranova

Zwischen den Zeilen

Mit „White Letters“ präsentiert die ukrainisch-deutsche Pianistin ein sehr ungewöhnliches Weihnachtsalbum.

Der Weihnachtszeit haftet eine besondere Magie an. Um sie zu spüren, muss man kein gläubiger Christ sein. Es genügt schon, sich von der friedvoll-heimeligen Stimmung, dem Lebkuchen- und Spekulatiusduft anstecken zu lassen und eben diese „gnadenbringenden“ letzten Tage des Jahres mit einem Glühwein in der Hand auf sich wirken zu lassen. So wie Marina Baranova, die bekennender Weihnachtsfan ist, auch wenn ihr die Begeisterung als Tochter eines jüdischen Musikerpaars nicht eben in die Wiege gelegt wurde. „Jedes Jahr im Dezember überkommt mich das Gefühl, dass sich die ganze Welt verändert“, sagt die Pianistin und Komponistin. „Die Menschen werden sinnlicher, aufmerksamer, auch die Zeit scheint langsamer zu werden.“ Nicht zuletzt in Deutschland, dem Ursprungsland des Weihnachtsbaums, wohin Marina Baranova Ende der 1990er-Jahre übersiedelte. Genauer gesagt nach Hannover. An der dortigen Musikhochschule setzte sie ihr Klavierstudium fort, das sie in ihrer ukrainischen Heimatstadt Charkiw begonnen hatte. Seitdem lebt sie in der niedersächsischen Landeshauptstadt – und tüftelt dort ihre künstlerischen Projekte aus.
Das neuste Soloalbum heißt „White Letters“, und dass es Ende November, kurz vor Beginn der Adventszeit, erscheint, ist kein Zufall. Wenn es der Titel auch nicht nahelegt, handelt es sich dabei um ein Weihnachtsalbum. Doch Vorsicht vor falschen Erwartungen: Wer nun „Jingle Bells“ und „O du fröhliche“ in festlichen bis kitschigen Arrangements erwartet, dürfte von Marina Baranovas einfühlsamer, dezent-stimmungsvoller Klangwelt irritiert sein. Auch die Auswahl der Stücke entspricht nicht unbedingt den Vorstellungen, die man allgemein mit einer Veröffentlichung zum Christfest verbindet. „Ich selbst habe noch nie Weihnachten gefeiert“, sagt die Künstlerin, „und ich wollte auf diesem Album meine Eindrücke des Festes als Außenstehende schildern.“ Die Idee sei ihr bei einer jüdisch-christlichen Dialog-Veranstaltung gekommen, auf die sie als Pianistin geladen war. „Hier wurden verschiedene christliche und jüdische Feiertage nebeneinandergestellt, und ich bemerkte zum ersten Mal, wie nahe sie sich eigentlich stehen.“

Für die Nachdenklichen – und Heimatlosen

Ein paar Tage länger, dafür aber in der gleichen Woche wie Weihnachten, findet Chanukka statt: das jüdische Lichterfest zur Erinnerung an die Wiedereinweihung des zweiten Tempels in Jerusalem. „Schon die Symbolik ist ähnlich“, sagt Baranova und weist auf die vier Kerzen des Adventskranzes hin. „Bei Chanukka sind es einfach ein paar Lichter mehr.“ In friedlicher, jahresendlicher Eintracht treten vor diesem Feiertagshintergrund auf „White Letters“ auch christliche und jüdische Komponisten in einen musikalischen Dialog miteinander, unter ihnen der Erzlutheraner Johann Sebastian Bach und der nicht zuletzt für das amerikanische Musikleben seiner Zeit so bedeutsame Ernest Bloch oder der unter der antisemitischen Verfolgungswelle der Stalin-Zeit leidende Grigori Fried. Dass der weihnachtlich-winterliche Bezug der Stücke untereinander nicht nur idyllische Gefühle hervorruft, sondern auch ernstere, sorgenvollere, liegt an der durchaus sozialkritischen Komponente des Albums. Denn Weihnachten, so Marina Baranova, sei nicht nur mit Feiern und Schenken, sondern auch mit einem stärkeren Bewusstsein für soziale Schieflagen, generell für Leid und Elend in der Welt verbunden.
So etwa komponierte Claude Debussy sein „Carol of the Homeless Children“ („Noël des enfants qui n’ont plus de maison“) im Winter 1915 im Gedenken an die Kinder, die ihre Eltern und ihr Zuhause im damals tobenden Ersten Weltkrieg verloren hatten. Wie aktuell das Thema auch zu Weihnachten 2022 ist, kann man jeden Tag aus den Medien erfahren. Dass Marina Baranova als gebürtige Ukrainerin den Krieg in ihrem Heimatland auf ihrem neuen Album nicht unerwähnt lassen konnte, liegt auf der Hand. In sanften und berührenden Tönen, mit einfachen und doch wirkungsvollen Harmonien, erzählt ihre eigene Komposition „Homeland“ gegen Ende der CD vom Leid, aber auch von der Hoffnung ihrer Landsleute. Eine auf den ersten Blick weniger erkennbare, dafür umso eindrucksvollere Hommage an die Ukraine findet sich bereits am Anfang: das auf der ganzen Welt, besonders aber in den USA beliebte „Carol of the Bells“ in einem Arrangement von Baranovas Lehrer Serge Yushkevich: einem der vielen, die in Charkiw zurückgeblieben sind. „Die wenigsten wissen, dass es sich bei ‚Carol of the Bells‘ um ein ukrainisches Weihnachtslied handelt.“
Als Pianistin, die sich schon als Kind in endlosen Improvisationen verlieren konnte und selbst schon zahlreiche Werke für ihr Instrument komponiert hat, verfolgt Marina Baranova bei „White Letters“ – wie auch auf ihren vorherigen Veröffentlichungen – keinen rein reproduktiven Ansatz. Neben ihren eigenen Stücken erklingen auch die Werke der anderen Komponisten in eigener musikalischer Interpretation. „Ich würde die Version, in der ich sie spiele, nicht als Transkription bezeichnen“, sagt sie, „eher als eine Art Nacherzählung.“ Das passt zum Titel, der wiederum auf die jüdische Tradition und die Auslegung der Thora anspielt. Die „weißen Buchstaben“, die unsichtbar zwischen den schwarzen, gedruckten stehen, bedürfen der Interpretation durch einen Kundigen. So ist es auch mit der Musik, so ist es auch mit den Noten, deren Geheimnisse in den Zwischenräumen verborgen liegen – und denen Marina Baranova mit forschenden Händen nachspürt.

Neu erschienen:

Ernest Bloch, Claude Debussy, Maurice Ravel u. a.

„White Letters“

Marina Baranova

Berlin Classics/Edel

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Stephan Schwarz-Peters, 26.11.2022, RONDO Ausgabe 6 / 2022



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