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N° 1281
26.11. - 02.12.2022

nächste Aktualisierung
am 03.12.2022



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Gordon Safari (c) Andrej Grilc

BachWerkVokal

Kokoschka und die Ewigkeit

Das junge Vokalensemble unter der Leitung von Gordon Safari wagt mit seiner neusten Einspielung kühne Zeitsprünge.

Gordon Safari gründete das Ensemble BachWerkVokal 2015 in der Mozart-Stadt Salzburg. Schon die beiden ersten Alben des jungen ­Ensembles „Cantate Domino“ (2019) und „Jesu, meine Freude“ (2021) wurden für diverse Preise nominiert. Nun legt die Truppe mit „Genug“ nach, einer überraschenden Mischung der Musik von Johann Sebastian Bach, seiner Vorläufer, Alma Mahler und des österreichischen Zeit­genossen Jakob Gruchmann. Ich erreiche Gordon Safari zu Hause in Salzburg.

RONDO: Was war die Motivation, das Ensemble zu gründen?
Gordon Safari: Ich wollte einfach Menschen zusammenführen, die sich für barockes Repertoire und vor allem für Bach interessieren und habe diese Idee in Salzburg „gestreut“ in der freien Szene. Und der Effekt war, dass ich von sehr, sehr vielen Menschen kontaktiert worden bin, die großes Interesse signalisierten.

Wie ging es dann weiter?
Wir haben ausprobiert, wie wir harmonieren und wo wir hinwollen. Die Entscheidung fiel dann sehr spontan, diesem Ensemble einen Namen zu geben, eine Saison durchzuplanen und einfach zu starten. Aus heutiger Sicht: komplett wahnsinnig. Denn es gab keine Sicherheiten und auch keine Strukturen.

Wie habe ich mir die Salzburger Musikszene abseits der Festspiele vorzustellen?
Es ist eine kleine Stadt, hier lebt man in der Musikerwelt dichtest gedrängt. Es gibt einen hohen Konkurrenzkampf und sehr viel Angebot. Ich war mir des Risikos eigentlich nicht bewusst, dass das hätte scheitern können. Aber wir hatten das Glück, vom ersten Konzert an ungeheuer gut angenommen zu werden. Uns war dann schnell klar: Es wird weitergehen, wir werden investieren und systematisch das Ensemble aufbauen.

Und Bach im Namen ist programmatisch zu verstehen?
Das war mir gleich klar. Aber mir war auch klar, dass ich Bach zwar als Zentralgestirn verstehe, aber uns nicht als ausschließliches Bach-Ensemble! Uns geht es darum, Bezüge herzustellen zu und von Bach, zurück- und vorausgedacht.

Arbeiten sie mit einer fixen Besetzung oder mit dem Pool-Modell?
Der Kern des Ensembles ist eine Fixbesetzung. Mit einem Poolsystem ist man doch sehr darauf angewiesen, wer jetzt gerade singen oder spielen kann. Mir aber war es ein Bedürfnis, möglichst viele Kräfte fest an das Ensemble zu binden. Auch um eine Identifikation zu schaffen und um einen gemeinsamen Klang zu finden.

Sie hatten sehr schnell überregionalen Erfolg. Verdankt der sich auch den viel beachteten ersten Alben?
Das kann man so sehen. Wir sind bereits 2016 im Münchener Herkulessaal eingesprungen, das war eher Zufall, aber es kam sehr gut an. Und dann haben wir gemerkt, was für ein Potenzial in diesem Ensemble liegt und eingesehen, dass wir investieren müssen, wenn wir außerhalb von Salzburg wahrgenommen werden wollen. Die erste CD war ein Gemeinschaftsprojekt, sie wurde von allen getragen mit minimalen finanziellen Mitteln.

Und sie wurde hervorragend besprochen.
Genau, „Cantate Domino“ hat ein Aufhorchen ausgelöst, es sprach sich herum: Da kommt was Neues aus Salzburg. Aber dann hat uns Corona eiskalt erwischt.

Und das am Anfang des Aufstiegs, wie haben Sie reagiert?
Wir sagten uns: Wir werden weiter aufnehmen. Denn wenn wir jetzt defensiv bleiben, werden wir in zwei Jahren vergessen sein. Wir haben dann „Jesu, meine Freude“ unter strengsten Corona-Auflagen eingespielt, ebenso wie „Genug“.

Welche dramaturgische Idee steckt hinter dem Album „Genug“?
Die Initialzündung war eine Ausstellung im Museum der Moderne in Salzburg mit Werken von Oskar Kokoschka. Dort entdeckte ich, dass Kokoschka zu der Kantate „O Ewigkeit, du Donnerwort“ elf Lithografien geschaffen hat. Er hat damit seine schwierige Beziehung zu Alma Mahler verarbeitet, und sich selbst und sie in die Allegorien der Kantate projiziert, also Furcht und Hoffnung. Das fand ich spannend, zumal der Schlusschoral der Kantate „Es ist genug“ in der Wiener Schule eine wichtige Rolle spielt. Und das nicht nur als Zitat in Bergs Violinkonzert.

Das wäre dann die Verbindung zu Alma Mahler. Wie haben sie weitergedacht?

Es lag nahe, sich mit dem Aspekt des „Genug“ auseinanderzusetzen. Damit war die zweite Bach-Kantate „Ich habe genug“ gesetzt, aber auch die Frage: Woher hatte Bach diese Ideen? Das brachte mich auf den Satz von Johann Rudolf Ahle, er war vor Bach Organist in Mühlhausen. Es ist durchaus möglich, dass Bach dieser besondere Choral mit der Eröffnungszeile und den drei Ganztönen in die Hände gefallen ist. Und er diese Zeile dann Jahrzehnte später in Leipzig verwendet hat.

Und der Bezug zur Gegenwart?
Wir wollten das „Genug“ weiterdenken in die Jetztzeit. Ich wollte eine moderne Kantate. Die Komposition von Jakob Gruchmann basiert auf einem Text, in dem es um die Auswüchse eines Konsumismus geht, der auch vor Versuchen, mit digitaler Technik und künstlicher Intelligenz den Tod zu besiegen, nicht zurückschreckt.

Ein harter Bruch zur barocken Sterbekunst?
Es war mir einfach wichtig, Beziehungsfäden zu spinnen zwischen Epochen und Komponisten-Persönlichkeiten. Wir wollten auch bewusst keine dritte Barock-CD machen, die in sich geschlossen bleibt. Das ist ganz klar ein Risikoprojekt, aber wir wollten diese Öffnung zeigen und damit beweisen, dass wir als Ensemble in der Lage sind, durch die Epochen zu gehen. Für die Lieder von Alma Mahler verwenden wir einen Friedrich Ehrbar-Flügel von 1878 mit Wiener Mechanik und einer sehr dunklen Klanglichkeit. Ich wollte bewusst keinen Steinway, denn der trifft diese besondere Atmosphäre nicht.

Ist es möglich, dieses schräge Programm auch im Konzert zu spielen?
Wir haben’s schon gemacht! Es gibt einige wenige Veranstalter, die so etwas interessiert. Dabei: So komplex ist es auch wieder nicht. Beteiligt sind an diesem Programm Mitwirkende ungefähr in der Größenordnung eines Bach’schen Weihnachtsoratoriums.

Neu erschienen:

Bach, Schelle, Ahle, Mahler, Gruchmann:

„Genug“

BachWerkVokal, Gordon Safari

MDG/Naxos

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Regine Müller, 15.10.2022, RONDO Ausgabe 5 / 2022



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