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N° 1281
26.11. - 02.12.2022

nächste Aktualisierung
am 03.12.2022



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(c) Marco Borggreve

Daniel Behle

Seestern und Brezel

Der Tenor ist ein begeisterter Plattenmacher. Sein 18. Soloalbum, vierfach hornumtönt, widmet sich der „Heimat“.

Er kann es nicht lassen, nicht einmal Innsbruck! Dabei ist der Tenor Daniel Behle doch gegenwärtig weiß Gott beschäftigt. Stimmlich hat er, der es inzwischen bis zum Lohengrin geschafft hat, aktuell in Amsterdam als männliche Hauptrolle in Engelbert Humperdincks anderer, viel hintergründigerer Märchenoper „Königskinder“ mit dem Dreamteam Marc Albrecht und Christof Loy gut zu tun. Außerdem feiert im Januar endlich seine lang erwartete, auf einen Text von Alain Claude Sulzer selbst komponierte Bierkampf-Operette „Hopfen und Malz“ erst in Annaberg-Buchholz Uraufführung und wird kurz danach in Neustrelitz bereits nachgespielt. Auch ein zweites Musiktheater-Opus der leichteren Art ist bereits in Planung.
Und trotzdem legt der in Basel ansässige Vokalist nun also bereits sein 18. Solo-Album vor! So viele hat nicht mal Tenordarling Jonas Kaufmann bisher geschafft. Für Daniel Behle freilich ist das Plattenproduzieren und dafür Programmausdenken eine ganz besondere Passion. Andre segeln oder kegeln, Behle bosselt an Listen, sitzt über Repertoirekombinationen, denkt über Coverdesign und mögliche Partner nach. Und deshalb wird eben aktuell von Innsbruck gelassen: Den vierstimmigen Chorsatz von Heinrich Isaac (um 1450–1517), dessen Text die Legende unter anderem Kaiser Maximilian I. zuweist, ist freilich so noch nie eingesungen worden: Mit einem Hornquartett. Das klingt fremd und doch vertraut.
Behle erkundet nun in 90, auf zwei CDs verteilten und optisch ansprechend aufbereiteten Minuten Tenorgesang und Hörner die „Heimat“, nur unterbrochen von der noch immer sonoren Erzählerstimme Mario Adorfs, der literarisch sein Scherflein zum vielmalträtierten Thema beisteuert. 500 Jahre Heimatlieder und -gedichte umkreist so dieses weiße Doppelalbum, das neben dem dominanten Horn auch zwei Enzianblüten, eine Segeljolle, ein weiteres blaues Blümchen, Seestern und Muschel sowie eine Brezen zieren. Und bereits zum dritten Male versichert sich Behle für dieses optisch wie akustisch ansprechende Klangpaket der liebevollen Mithilfe seines kleinen Schweizer Haus-Labels. Auch da haben sich offenbar zwei Enthusiasten wie Tüftler gefunden.
german hornsound, das sind Christoph Eß, Sebastian Schorr, Stephan Schottstädt und Timo Steininger, klingen dabei tröstlich, gemütlich und tümlich, aber auch bedrohlich, rau und verstörend atonal. Schließlich ist bereits die fröhliche Jagd im grünen Wald, mit der man als erstes diese Töne assoziiert, ebenfalls ein ziemlich blutiges Geschäft. Und so geht es auch zu mit dem Begriff Heimat, „der uns allen gehört“, wie es in einem der Titel heißt. Werke von Brahms, Schubert, Dvořák, Wagner, Krenek, Kreisler, Spoliansky, Leopoldi, Eisler, Mahler versuchen so viel Gegensätzliches wie möglich gleichzeitig zu formulieren. Heimat ist nicht, Heimat kann sein. Und zwar vieles: Ein Ort, Natur oder Landschaft, Erinnerung, Menschen, Freunde und Familie, eine Sehnsucht, Schmerzen, ein Albtraum, Idylle, Verlust, Gewohnheit und Geborgenheit, Kultur, Sprache und Dialekt, Küche, Zuhause, Wurzeln, Sicherheit ...
Dies und viel mehr hat der Arrangeur Alexander Krampe in seine Bearbeitungen mit einbezogen. Insgesamt 50 Titel sind so entstanden, lassen sich als Album wie bald auch als sehr besonderes Konzert abwechslungsreich genießen. Denn eines ist diese Art von Heimat (und Heimat an sich) gar nicht: langweilig.

Neu erschienen:

Dvořák, Schubert, Brahms, Kreisler, Mahler

„Heimat“

Daniel Behle, Mario Adorf, german hornsound

Prospero/Note 1

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Matthias Siehler, 15.10.2022, RONDO Ausgabe 5 / 2022



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