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N° 1281
26.11. - 02.12.2022

nächste Aktualisierung
am 03.12.2022



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(c) Helge Hansen/Sony Music Entertainment

Leif Ove Andsnes

Unglaublicher Sinn für Farben

Der Pianist hat sich auf Antonín Dvořáks „Poetische Stimmungsbilder“ eingelassen – und hält sie für ein unterschätztes Meisterwerk.

Antonín Dvořáks später Klavierzyklus op. 85 spielt im Kernrepertoire der Piano-Zunft bislang keine Rolle. Dvořák komponierte die 13 poetischen Tongemälde im Frühjahr 1889, es handelt sich um lupenreine Programmmusik, Miniaturen mit einem sehr breiten Themen- und Stimmungsspektrum. Hoch virtuose, pianistisch anspruchsvolle Sätze wechseln ab mit schlichten, ländlichen Tänzen wie einem „Furiant“, der düsteren Beschwörung von mystischen Stimmungen wie „Das alte Schloss“ und Momenten spiritueller Versenkung wie „Am Grab eines Helden“.
Ich erreiche Leif Ove Andsnes im norwegischen Bergen in seinem lichten, am Berg gelegenen Haus, das vor Jahren beim Bergen Festival auch einmal für das Publikum geöffnet wurde und den stimmungsvollen Rahmen für ein experimentelles Kammerkonzert bot.
Andsnes erzählt, dass einer seiner Lehrer ihn schon früh mit tschechischer Musik bekannt machte: „Das war zwischen 15 und 24 Jahren, er zeigte mir Smetana und Janáček, Dvořák ließ er komischerweise aus! Aber immerhin habe ich dadurch ein gutes Verständnis für tschechische Musik, ich kenne seither den Unterschied zwischen Walzer und Furiant.“
Die Annäherung an Dvořáks Zyklus sei in Wahrheit allerdings ein sehr langer Prozess gewesen, so Andsnes. Es begann damit, dass sein Vater eines Tages einen Berg von CDs aus London mitbrachte, da war Andsnes etwa sieben Jahre alt. In diesem CD-Berg fand sich auch eine Aufnahme des Dvořák-Zyklus in der Interpretation von Radoslav Kvapil. „Ich erinnere mich, dass ich beim Hören dachte, das ist wirklich sehr schön!“
Mit zwölf spielte Andsnes dann den ersten Satz des Zyklus in einem Jugendwettbewerb, damals wusste er noch nicht, dass dieses Werk in der Klaviergemeinde nahezu unbekannt war. Mit 25 Jahren legte er nach, und musizierte eine Gruppe von sechs Stücken in einigen Recitals. „Manchmal hatte ich überlegt, auch den ganzen Zyklus spielen, aber dann zweifelte ich an einigen Sätzen und ob das zusammen funktionieren würde und legte das Projekt wieder zur Seite.“

Poetisch wie Schumann

Dann aber kam die Pandemie und „wir alle hatten ein bisschen mehr Zeit“. Andsnes dachte über sein Repertoire und auch über Dvořák nach und spielte dessen gesamte Klaviermusik durch, nur um zu sehen, was es da noch so alles gibt: „Ich fand die Musik teils unausgewogen aber bei diesem Opus dachte ich wieder: Wow, das ist so besonders!“
Beim Forschen fand er schließlich ein Zitat des Komponisten, in dem er seine Hoffnung äußerte, dass jemand den Mut aufbringen würde, den Zyklus im Ganzen zu spielen. „Er schreibt, er habe versucht, ein Poet à la Schumann zu sein, und diesen Zyklus als Reise zu begreifen. Ich war sehr inspiriert davon. Und so wurde der Zyklus mein Pandemie-Projekt. In Norwegen gab es ja nicht diese radikalen Lockdowns, kleinere Konzerte waren erlaubt und so probierte ich den Zyklus aus.“
Für Andsnes ist seine Entdeckung ein weiterer Beweis dafür, wie eng das etablierte Klavier-Repertoire noch immer ist. „Wir müssen auch zur Seite blicken, und dabei geht es gar nicht um Exotisches oder Obskures. Dieser Zyklus wurde nicht gespielt, obwohl Dvořák ein berühmter Komponist ist. Und ich halte diese poetischen Stimmungsbilder für ein Meisterwerk.“
Der Pianist vermutet, dass die bisherige Ignoranz gegenüber diesem Zyklus auch daher rührt, dass Dvořák nicht als Klavierkomponist gilt, weil er selbst eigentlich kein Pianist war. „Das ist sein Image, aber das ist unfair, denn diese Stücke sind sehr gut, höchst originell und farbenreich.“

Das Leben in allen Formen

Mit fast einer Stunde ist dieser Zyklus länger als die gängigen Klavierzyklen. Durchaus herausfordernd: „Es sind zum Teil sehr große Stücke, aber auch sehr spielbare Stücke wie das zweite, das humorvoll gemeint ist. Und wir haben auch schlichte Tänze. Es ist ein Nebeneinander von hoher und einfacher Kunst. Dvořák spiegelt das Leben in all seinen Formen, und das liebe ich sehr an diesem Zyklus.“
Das Werk entstand in einer für Dvořák sehr fruchtbaren Zeit, zeitgleich komponierte er die 8. Sinfonie, das berühmte Klavierquintett und das „Requiem“. „Warum sollte die Klaviermusik auf einem anderen Niveau sein?“ Der Komponist leide bis heute grundsätzlich noch immer unter dem Vergleich mit Brahms, meint Andsnes, „Dabei hatte er einfach andere Talente. Dvořák kann Juwelen schaffen aus sehr einfachen Dingen, aus schlichten Volksliedern mit ein paar harmonischen Veränderungen und Charakterisierungen. Das Talent ist einzigartig, denke ich.“
Mit dem Böhmen assoziiert man für gewöhnlich – gerade was sein sinfonisches Werk angeht – eine eher eingedunkelte Palette und eine massive Instrumentierung. Dieser Zyklus klingt in Andsnes’ Lesart jedoch leicht, transparent und hell. Auf die Frage, ob er Dvořák aufgehellt habe, muss er lachen. „Ja, Dvořák wird vielleicht eher mit dunklen Farben assoziiert. Aber ich denke, er hat die Fähigkeit, Farben sehr virtuos zu wechseln. Und er kann aus dem Nichts märchenhafte Klänge erzeugen, und sehr dunkle, mystische Farben finden. Für mich ist gerade das Fließende faszinierend, diese geschmeidigen Wechsel. Und sein unglaublicher Sinn für Farben.“
Ab dem Herbst tourt Leif Ove Andsnes mit Dvořáks Klavierzyklus op. 85 in mehr als 20 Recitals. Die bisherigen Konzerterfahrungen waren durchweg positiv, das Publikum habe sehr stark reagiert: „Ich spüre, dass etwas passiert mit den Leuten, wundervoll! Es geht zu Herzen. Die Leute tauchen immer mehr ein in diese Welt.“ Dass der Zyklus trotz seiner Länge nicht langweile, liege daran, dass jedes Stück seine eigene Identität und seine Geschichte habe. „Und alle zusammen ergeben ein großes Panorama, es geht um unser aller Leben. Ich liebe es, dass es hier auch um das triviale Leben geht, und zugleich um spirituelle Themen und um große Leidenschaften.“

Neu erschienen:

Dvořák

„Poetische Stimmungsbilder“, op. 85

Leif Ove Andsnes

Sony

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Regine Müller, 29.10.2022, RONDO Ausgabe 5 / 2022



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