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N° 1281
26.11. - 02.12.2022

nächste Aktualisierung
am 03.12.2022



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(c) OJ Slaugther

Hilary Hahn

Mit Mut zum Risiko

Mit Werken von Dvořák, Ginastera und Sarasate meldet sich die Geigerin aus einer unerwartet langen Kreativpause zurück.

Perspektivenwechsel sind eine gute Sache, das kann Hilary Hahn bestätigen. In gewählten Abständen gönnt sich die amerikanische Geigerin eine Pause vom Konzertpodium, um sich selbst neu zu justieren. Nebenbei tauscht sie dabei das Leben einer vielbeschäftigten Künstlerin gegen das einer neugierigen, begeisterungsfähige Zuschauerin ein. Im Herbst 2019 hatte sich die Geigerin ein Sabbatical verordnet, um in der Saison 2020/21 wieder voll durchstarten zu können. „Ich habe mich von morgens bis abends ins Kulturleben gestürzt, habe Konzerte besucht, Museen abgeklappert und hatte sogar ein Abonnement fürs Ballett“, schwärmt sie von dieser Zeit. Mit Beginn der Corona-Pandemie Anfang 2020 hieß es dann – wie bei so vielen anderen – „Stubenarrest“ statt aktiver Kunstbegeisterung, so gut wie alle anstehenden Konzertverpflichtungen fielen weg, Verträge wurden gecancelt. Keine besonders ermutigende Vorstellung für eine Musikerin, die seit frühester Kindheit an den Austausch mit ihrem Publikum gewöhnt ist. Vor allem um ein Projekt machte sich Hilary Hahn große Sorgen.

Schönste Akrobatik

Schon einige Zeit vor ihrem Sabbat-Jahr hatte sie den Plan gefasst, Antonín Dvořáks Violinkonzert aufzunehmen – in Kombination mit zwei weiteren, sehr unterschiedlichen Werken: Pablo de Sarasates „Carmen-Fantasie“ und das weniger bekannte, wenn auch sehr wirkungsvolle Violinkonzert von Alberto Ginastera. Komponiert hatte es der argentinische Komponist für Ruggiero Ricci, einen der meistumjubelten Solisten seiner Zeit, den auch Hilary Hahn als großes Vorbild betrachtet. Ginasteras Violinkonzert, uraufgeführt 1963, dürfte selbst diesen hartgesottenen Virtuosen ins Schwitzen gebracht haben, gibt es hier doch kaum eine Passage, die nicht nach akrobatischen Fingerverrenkungen verlangen würde. Von exotischen Doppel- und Mehrfachgriffen über komplizierte Skalen und Arpeggien bis hin zu Vierteltönen stellt Ginastera dem Solisten eine kaum zu bewältigende Aufgabe nach der anderen, auch das Orchester – bei der Weltpremiere war es das von Leonard Bernstein geleitete New York Philharmonic – wird dabei nicht geschont. Man kann sich tot üben an diesem Konzert, Hilary Hahn selbst bezeichnet es als „nahezu unspielbar“. Vor allem, wenn man völlig auf sich allein gestellt ist.
Freilich hatte sie die viele unerwartete Zeit zum Üben genutzt. Doch im stillen Kämmerlein schien das Aufnahmeprojekt in immer weitere Fernen zu rücken. Ohne den musikalischen Rückenwind ihrer Partner, dem Frankfurt Radio Orchestra (so die internationale Bezeichnung des hr-Sinfonieorchesters) und seinem damaligen Noch-Chefdirigenten Andrés Orozco-Estrada, schlich sich Unsicherheit in Hilary Hahns Spiel. „Ich bin es gewohnt, dass ich alles, was ich aufnehme, vorher im Konzertsaal ausprobiert habe“, sagt sie, „das ist ganz essenziell für mich.“ Wie sollte sie ohne die gewohnte Resonanz den Weg zu einer überzeugenden Interpretation finden? Hier half nur Mut zum Risiko. „Dass es überhaupt zu dieser Aufnahme kam, liegt daran, dass ich mit Andrés und dem Orchester schon so viele gemeinsame Abenteuer erlebt habe und wir uns gegenseitig blind vertrauen können“, sagt die Geigerin. Den Anfang machte schließlich das Dvořák-Konzert, dessen Live-Aufnahme im Frühjahr 2021 stattfand: eine Zeit, die noch immer von starken Corona-Restriktionen geprägt war und in der an ein normales Kulturleben in Deutschland nicht zu denken war.

Blindes Vertrauen

Hilary Hahn und das Orchester spielten in diesem April vor leeren Stühlen im Sendesaal des hr-Funkhauses in Frankfurt. Trotz der isolierten Atmosphäre fanden sie dabei zu einer sehr lebendigen, temperamentvollen Interpretation des 1880 entstandenen Werks. „Man muss wirklich seine komplette Persönlichkeit in dieses Konzert legen“, sagt die Geigerin. „Viele meinen, es wäre ein Selbstläufer und so spielen sie es auch. Damit hat man aber keine Chance.“ Hilary Hahn, die noch immer fest an ihre Vorhaben glaubte, fasste neues Vertrauen – und machte sich umgehend daran, trotz der ebenso ungewohnten wie unkomfortablen Umstände auch die anderen beiden Teile des geplanten Albums in Angriff zu nehmen. Nachdem sie sich weiter in Frankfurt akklimatisiert und sich selbst den letzten Feinschliff gegeben hatte, fand im Juni 2021 die Aufführung von Ginasteras Konzert und die der „Carmen-Fantasie“ in der Alten Oper statt: dabei handelte es sich gleichzeitig um Andrés Orozco-Estradas Abschiedskonzert als Chefdirigent des hr-Sinfonieorchesters und die Wiedereröffnung des zuvor monatelang geschlossenen Frankfurter Konzerthauses. Ein Höllenritt: „Es war das erste Mal, dass ich etwas aufgenommen habe, das ich vorher noch nie öffentlich vor Publikum gespielt habe“, sagt Hilary Hahn, „und dann gleich zwei Stücke auf einmal!“ Denn obwohl sie zum Standard-Repertoire ihres Instruments gehört (und sie selbst eine große Opernliebhaberin ist), hatte die Geigerin die Sarasate-Fantasie über Melodien aus George Bizets Bühnenwelthit nie zuvor im Programm gehabt. „Es musste alles auf Anhieb klappen. Hätten wir, das Orchester, Andrés und ich, nicht vorher schon immer so ein perfektes Einverständnis untereinander bewiesen, ich glaube nicht, dass ich dieses Wagnis auf mich genommen hätte.“ Gut, wenn man die richtigen musikalischen Freunde hat.
Jedenfalls verwundert es nicht, dass Hilary Hahn nach diesen intensiven künstlerischen Erfahrungen und den damit verbundenen Herausforderungen ein besonderes Verhältnis zu ihrem neuen Album entwickelt hat. Es spiegelt sich nicht zuletzt auch im Titel „Eclipse“ wider, zu Deutsch „Eklipse“, was nichts anderes bedeutet als „Sonnenfinsternis“. „Mit diesem Album habe ich mich nach dem Sabbatical und der anschließenden Zwangspause durch die Pandemie wieder zurückgemeldet“, sagt Hilary Hahn und stellt eine interessante Parallele zu der spektakulären Himmelserscheinung und deren psychologischen Wirkung auf die Betrachtenden her. „Wenn die Sonne hinter dem Mond verschwindet, ist das immer auch mit einer Phase der Unsicherheit verbunden. Der Lichtschein, der die verdunkelte Scheibe umspielt, lässt jedoch ahnen, was sich dahinter verbirgt.“ Die astronomische Fachbezeichnung dieses schwachen Leuchtens, das bei einer Sonnenfinsternis mit bloßem Auge beobachtet werden kann, lautet übrigens – „Korona“.

Neu erschienen:

Dvořák, de Sarasate, Ginastera

„Eclipse”

Hilary Hahn, hr-Sinfonieorchester, Andrés Orozco-Estrada

DG/Universal

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Kometenlaufbahn

Seit ihrem elften Lebensjahr am Curtis Institute of Music ausgebildet, Amerikas Kaderschmiede für den musikalischen Nachwuchs, gab die 1979 im US-Bundesstaat Virginia geborene Hilary Hahn ihr Konzertdebüt mit Orchester wenig später im Alter von 12 Jahren. Seither verfolgt sie eine steile Karriere auf dem Konzertpodium, aber auch im Aufnahmestudio. Abseits vom großen Repertoire ist die Geigerin immer wieder auch mit weniger bekannten Stücken zu hören, darunter viele zeitgenössische Werke, die sie zu einem großen Teil selbst in Auftrag gegeben hat. Hilary Hahn ist verheiratet, hat zwei Kinder und lebt, nach Jahren in New York, mit ihrer Familie in Massachusetts.

Stephan Schwarz-Peters, 15.10.2022, RONDO Ausgabe 5 / 2022



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