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N° 1281
26.11. - 02.12.2022

nächste Aktualisierung
am 03.12.2022



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Das Gürzenich-Orchester (c) Holger Talinski

Gürzenich-Orchester Köln

Musik für alle

Unter François-Xavier Roth setzt das Orchester mit Bruckner-Sinfonien, Uraufführungen sowie einem außergewöhnlichen „Artist in Residence“ seine Erfolgsstory fort.

Kölns Musikchronik kann sich von jeher sehen und hören lassen. Schließlich wurden hier mit unter anderem Gustav Mahlers 5. Sinfonie, Karlheinz Stockhausens „Gesang der Jünglinge“ sowie Bernd Alois Zimmermanns Oper „Die Soldaten“ gleich drei (völlig gegensätzliche) Ikonen der Moderne uraufgeführt. Doch in Köln schrieb man ebenfalls Interpretationsgeschichte. So gilt etwa die Gesamteinspielung aller Bruckner-Sinfonien, die der ehemalige Gürzenich-Orchester-Chef Günter Wand aufgenommen hat, für viele weiterhin als unerreicht. Auch für François-Xavier Roth besitzt das Bruckner-Erbe seines Amtsvorgängers etwas „Starkes, Bleibendes“. Was er 2015, direkt in seinem Antrittskonzert als neuer Gürzenich-Kapellmeister, deutlich machte – als er mit Anton Bruckners 4. Sinfonie an Günter Wand erinnerte. Schon damals war Roth zudem sofort klar, dass „wir alle Sinfonien aufführen müssen. Der Klang des Orchesters passt fabelhaft zu diesem romantischen Repertoire.“ Kein Wunder, dass seitdem nahezu keine Konzertsaison vergangen ist, in der nicht eines von Bruckners gewaltigen, sinfonischen Welt- und Glaubensgebäuden auf den Notenpulten stand.
Auch im Hinblick auf das Bruckner-Jahr 2024 (200. Geburtstag) nimmt der Zyklus aller Sinfonien inzwischen Kontur an. Und selbstverständlich bildet das romantische Schwergewicht in der Konzertsaison 2022/2023 erneut einen eigenen Schwerpunkt. So präsentieren François-Xavier Roth und das Kölner Gürzenich-Orchester die Sinfonien Nr. 3, 5 und 6. Wobei Bruckners Einfluss auf die jüngere Musikgeschichte auf besondere Weise hörbar gemacht wird. So kommt vor jeder Sinfonie ein brandneues Werk zur Ur- bzw. deutschen Erstaufführung. „Zu seiner Zeit wurde Bruckner von der Mehrheit des Publikums definitiv missverstanden“, so François-Xavier Roth. „Selbst viele seiner Bewunderer wollten ihn davon überzeugen, seine visionären künstlerischen Werke zu verändern, weil die Architektur seiner Schöpfungen ihre Vorstellungskraft überstieg. Mit meinem Bruckner-Zyklus in Köln möchte ich die Sichtweise auf seine Musik verändern. Ich möchte gemeinsam mit dem Publikum die utopischen Aspekte seines Werkes entdecken: Bruckner, der Fortschrittliche.“
Den Bogen von der Fünften des Österreichers in die Gegenwart schlägt man etwa mit einem Konzert für Klangwerk (bzw. Schlagzeug) und Orchester, das vom Bruckner-Landsmann Georg Friedrich Haas stammt. Und die 6. Sinfonie kombiniert man mit den klangexzessiven „Evil Elves: Level Eleven“ für Saxophonquartett und Orchester, das Bernhard Gander auch für das Raschèr Saxophone Quartet komponiert hat.

Zukunftsmusik am Cembalo

Gleich zu Beginn der aktuellen Saison kann man aber nicht nur Bruckners 3. Sinfonie in ihrer ungekürzten, selten gespielten ersten Fassung mit all ihren Wagner-Zitaten erleben. Zugleich stellt sich Cembalist Mahan Esfahani mit der Weltpremiere eines Cembalokonzerts aus der Feder des tschechischen Komponisten Miroslav Srnka als diesjähriger „Artist in Residence“ vor. In der Alten Musik-Metropole Köln spielt das Cembalo natürlich schon immer nach allen Regeln der historischen Aufführungskunst eine herausragende Rolle. Und mit Andreas Staier lebt und arbeitet einer der absoluten Stars des barocken Cembalospiels in der Domstadt. Der aus Teheran stammende Kollege Mahan Esfahani gilt gleichermaßen als Instanz, wenn es um die Musik von Bach, Händel, Rameau & Co. geht. Doch für Esfahani endet das Cembalo-Repertoire eben nicht im 18. Jahrhundert. Und so schlägt er live und im Aufnahmestudio regelmäßig den Bogen in die Gegenwart. Wie etwa auf seinem 2020 veröffentlichten Sensationsalbum „Musique?“, für das er Werke u. a. von Tōru Takemitsu, Kaija Saariaho, Anahita Abbasi und Luc Ferrari ausgesucht hatte. „Nur ein feiger Künstler bleibt stehen“, lautet denn auch das Credo dieses Musikers (siehe Info-Kasten). Gleich drei unterschiedliche Klangwege beschreitet Esfahani jetzt im Rahmen seiner Gürzenich-Residenz. So folgt auf Miroslav Srnkas „Standstill“ im Laufe der Spielzeit die Aufführung von Bohuslav Martinůs Concerto für Cembalo und kleines Orchester. Und mit Mitgliedern des Gürzenich-Orchesters Köln präsentiert er unter dem Motto „Very Personal“ ein Überraschungsprogramm.
Vielleicht streut Esfahani dabei auch einen absoluten Klassiker der Neuen Cembalo-Musik ein – jenes irrwitzige „Continuum“, das von György Ligeti stammt, der 2023 auch vom Gürzenich-Orchester gefeiert werden wird. Im nächsten Jahr wäre der ungarische Komponist nämlich 100 Jahre alt geworden. Und weil Köln für Ligeti ein auch künstlerisch wichtiger Ort gewesen ist (1956 traf er hier immerhin auf Stockhausen), lässt man ihn jetzt nachträglich hochleben – mit u. a. seinem von finnischen Top-Geiger Pekka Kuusisto gespielten Violinkonzert.
Überhaupt sind wieder nur aufregende Musikerpersönlichkeiten zu Gast. Hammerklavier-Spezialist Kristian Bezuidenhout gastiert mit Felix Mendelssohn Bartholdys zweitem Klavierkonzert. Auch die russische Ausnahmegeigerin Alina Ibragimova widmet sich Mendelssohn Bartholdy – und seinem seligmachenden Violinkonzert. Thomas Hampson singt Kurt Weill, Mojca Erdmann Bach und Pergolesi. Und in der Riege der Gastdirigenten finden sich neben George Benjamin, Joana Mallwitz, Emmanuel Tjeknavorian und Lorenzo Viotti erneut Namen, die dem Kölner Publikum wahrlich mehr als vertraut klingen. Immerhin haben Markus Stenz und Dmitrij Kitajenko das Gürzenich-Orchester Köln über viele Jahre geprägt. Ganz russisch fällt Kitajenkos Programmauswahl aus – mit Dmitri Schostakowitschs 5. Sinfonie sowie Sergei Rachmaninows Klavierkonzert Nr. 2, mit Lilya Zilberstein als Solistin. Markus Stenz hingegen gratuliert mit seinem alten Orchester Kölns ältestem Traditions- und Karnevalscorps „Rote Funken“ zum 200. Geburtstag. Schließlich versteht sich das Gürzenich-Orchester von jeher als ein Orchester für die Stadt.
Dieses Credo spiegelt sich aber auch in zwei besonderen, von François-Xavier Roth ins Leben gerufenen Projekten wider. Denn mit dem Bürgerorchester, das es seit der Saison 2019/2020 gibt, sowie dem gerade gegründeten Bürgerchor sind alle musikbegeisterten und -begabten Kölnerinnen und Kölnern eingeladen, mit Monsieur Roth und seinen Profis zu musizieren. Unter dem Motto „Spiel mit uns!“ stellt sich das Kölner Bürgerorchester unter eben der Leitung des Spiritus Rector im April 2023 mit einem Konzert vor. „Sing mit uns!“ heißt es dagegen erstmals in dieser Saison. Und nach der Feuertaufe des Bürgerchors im Rahmen eines Festkonzerts und mit Beethovens „Ode an die Freude“ zeigt sich der Bürgerchor dann ein zweites Mal im Dezember sehr gut bei Stimme – wenn er mit dem Gürzenich-Orchester Köln ein weihnachtliches Wunschkonzert bestreitet.

Gürzenich-Orchester Köln
www.guerzenich-orchester.de
Tickets: +49 (0) 221 28400

Skandal!

2016 sorgte bereits ein in der Kölner Philharmonie anberaumtes Cembalo-Konzert für reichlich Schlagzeilen. Der iranischstämmige Top-Cembalist und aktuelle Gürzenicher „Artist in Residence“ Mahan Esfahani hatte ein Werk vom Minimal Music-Guru Steve Reich mitgebracht. Doch schon nach wenigen Minuten reagierte ein Teil des Publikums mit Lachen, Pfeifen und Klatschen. Esfahani brach entnervt das Stück ab – und stellte daraufhin den Störern die Frage: „Why are you afraid? – Wovor haben Sie Angst?“ Auf Einladung des Philharmonie-Intendanten gastierte Esfahani ein Jahr später erneut mit diesem Reich-Stück – und diesmal lief alles glatt.

Guido Fischer, 03.09.2022, RONDO Ausgabe 4 / 2022



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