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N° 1272
24. - 30.09.2022

nächste Aktualisierung
am 01.10.2022



Startseite · Konzert · Café Imperial

Harald Schmidt spielt König Ludwig XV. in Millöckers „Die Dubarry“ (c) Björn Klein

Café Imperial

Unser Stammgast im Wiener Musiker-Wohnzimmer

In Langenlois im Waldviertel hat der ehemalige Volksopern-Dramaturg (und Wiener Opernball-Moderator) Christoph Wagner-Trenkwitz Operettenfestspiele initiiert. Und spielt in Richard Heubergers „Der Opernball“ open air auch gleich mit. Mit Peter Lund hat er einen originellen Regisseur gefunden – ihn allerdings zu keiner sonderlich witzigen Inszenierung inspiriert. Das lange Sofa, das sich durch vorgeklappte Türen in Opern-Separees verwandeln lässt, ist nicht neu. Mit Theresa Dax (Hortense), Julia Koci und Boris Eder stehen sehr gute Darsteller bereit. Gerrit Prießnitz am Pult indes kriegt das (immerhin:) Wiener Kammerorchester nicht in Gang. „Gehen wir ins Chambre séparée ...?“ Lieber an einen der erstklassigen Winzer-Stände im Foyer. Sie bieten das beste Wein-Catering weit und breit.
Im Café Imperial, dem vielleicht edelsten Musik-Wartesaal der Welt, gleichmäßig nahe zu fast allen wichtigen Sälen, genießen wir heute die Aura des Ortes. Nur sie. Buddha, zum Vergleich, erlangte die Erleuchtung unter einer zweistämmigen Pappelfeige. Wir sitzen hier. Und bleiben auch einfach sitzen. „Weil es nichts zu erreichen gibt, ruhen die Bodhisattvas in höchster Weisheit, und ihr Geist ist unbeschwert und frei von Angst”, heißt es in China. Die schöne Sommerszeit haben wir zur inneren Beruhigung benutzt. Und sind wir etwa die Einzigen? Die Saison in Wien geht eher ruhig los – trotz mehrerer Neuanfänge bei den Intendanzen.

Eine neue Ära wird an der Volksoper mit Carl Millöckers „Die Dubarry“ eingeläutet – mit Annette Dasch in der Titelrolle. Nur inszeniert nicht die neue Intendantin Lotte de Beer (sondern Jan Philipp Gloger). Es dirigiert auch nicht der neue GMD Omer Meir Wellber (sondern Kai Tietje). Als König Ludwig XV. immerhin debütiert Harald Schmidt. Und als Marschallin von Luxemburg ist mit Ulrike Steinsky ein echtes Volksopern-Urgestein mit dabei. An der Wiener Staatsoper inszeniert derweil der hier heimisch gewordene, ehemalige Skandal-Spezialist Calixto Bieito ein Mahler-Doppel aus „Das klagende Lied“, einem Frühwerk, und den Kindertotenliedern. Das Herabstimmende der Kombi wird durch die mäßig glamouröse Besetzung mit Vera-Lotte Boecker und Tanja Ariane Baumgartner nicht wettgemacht (ab 29.9.). Das Theater an der Wien ist geschlossen (wegen Renovierung). So findet der Auftakt der neuen Ära von Stefan Herheim in der Ausweichspielstätte im Museumsquartier statt (Halle E), aber erst ab Mitte Oktober. Vorweg marschiert an der Kammeroper Francesca Caccinis „La liberazione“ aus dem Jahr 1625. Nicht uninteressant.

Im Musikverein scheint alles beim Alten. Hier schickt noch einmal Christian Thielemann ‚seine‘ Staatskapelle Dresden für zwei Beethoven-Sinfonien vorbei (12.9.). Franz Welser-Möst dirigiert Bruckners IX. etc. mit dem Cleveland Orchestra (14./15.9.). Zu den Wiener Philharmonikern hat man Zubin Mehta geladen (16.-19.9.). Alle sonst freien Termine besetzt das Wiener Mozart Orchester in Gehrock und Perücke. Bei den Wiener Symphonikern dirigiert Ingo Metzmacher immerhin Franz Schmidts „Das Buch mit sieben Siegeln“ (mit Christian Elsner, 5.-7.10.). Höhepunkt: Krystian Zimerman mit Brahms’ Klavier-Quartetten Nr. 2 und 3 (13.10.). Im wie meistens interessanter programmierten Wiener Konzerthaus eröffnet rotzfrech Iggy Pop, der „Godfather of Punk“, die Saison (2.9.). Anna Prohaska präsentiert ihr Lieder-Programm „Paradise Lost“ (15.9.). Teodor Currentzis stellt sein neues „Utopia Orchester“ vor (mit Strawinskis „Der Feuervogel“, 7./9.10.). Andrè Schuen singt Schuberts „Die schöne Müllerin“ (11.10.). Da könnten wir lange fortfahren. Ober, zahlen!

Robert Fraunholzer, 10.09.2022, RONDO Ausgabe 4 / 2022



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