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N° 1281
26.11. - 02.12.2022

nächste Aktualisierung
am 03.12.2022



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Der Haydn-Saal ist das Schmuckstück von
Schloss Esterházy und des Herbstgold-Festivals (c) Josef Siffert

Herbstgold Festival

Mit Leidenschaft

Haydn-Liebe genreübergreifend: Auch beim sechsten Herbstgold-Festival in Eisenstadt wird der Hauptkomponist kreativ ergänzt.

Die Haydn-Liebe ist grenzenlos. Und so tut sich zwischen Ungarn und Österreich, respektive dem Burgenland, einiges, um den Stammvater der Wiener Klassik hochleben zu lassen. Immer mit dabei: der bedeutendste Gönner Joseph Haydns, das einstige Fürstenhaus Esterházy.
In Ungarn gönnt der autokratische Ministerpräsident Viktor Orbán seinen Landsleuten das neue Barockzentrum Haydneum, sein Klassikpalatin, der renommierte Alte-Musik-Dirigent György Vashegyi hat den Vorsitz. Haydn zu pflegen, hat auch in Ungarn seine Berechtigung. Schließlich stand der geborene Niederösterreicher bekanntermaßen über 30 Jahre im Dienst der ewiglich habsburgtreuen, und damit reich gewordenen ungarischen Fürsten von Esterházy.
Der schon damals berühmte Komponist war ihr lebendes Juwel in der Magnatenkrone. Der musste winters im ungarischen Kismarton (Klein-Martin), heute als Hauptstadt des seit über 100 Jahren österreichischen Burgenlands Eisenstadt geheißen, und sommers im Landschloss Esterháza (jetzt: Fertőd) auf der anderen Neusiedlersee-Seite für die Hofkapelle komponieren (was ihm auch europaweit zum Ruhm gereichte) sowie für den reibungslos-prunkvollen Musikbetrieb verantwortlich zeichnen.
Das alles wurde sorgsam um den Wert wissend gepflegt, mehr noch als andere Teile der Besitzungen der Esterházys, die der ungarische Staat dann Mitte der vierziger Jahre enteignete. Fürst Paul V. musste ins Gefängnis, er floh beim Ungarnaufstand, verwaltete seine burgenländischen Restbesitztümer von der Schweiz aus und starb 1989.
Seine Frau Melinda, einst Primaballerina der Budapester Oper und Alleinerbin – das Paar blieb kinderlos – brachte als vermutlich reichste Frau Österreichs das Erbe in Stiftungen ein, die sie ihrem ungarischen Neffen zur Verwaltung übergab. Seit ihrem Tod 2014 ist der Beziehungszustand der sowieso vielstämmigen Familie Esterházy: kompliziert.

Haydn im Aufschwung

Im ungarischen Versailles Fertőd will die Regierung in den noch vorhandenen Nebengebäuden, aber auch am Schloss Esterháza selbst in den nächsten zwölf Jahren eine Milliarde Euro kulturinvestieren. Es gibt schon neue Ausstellungstrakte mit seinerzeit konfiszierten Esterházy-Memorabilien. Das Marionettentheater ist bereits wieder als Konzertsaal spielfähig, auch wenn die wenigen Reste der einstigen Grottensaalherrlichkeit im Inneren nur museal bestaunt werden können. Die Oper soll modern wiedererstehen. In fünf Jahren wird das örtliche Rathaus das einstige Musikerhaus, Joseph Haydns historischen Wohnort, freigeben: Hier soll dann das Haydneum seinen Sitz haben.
In Eisenstadt aber, dem österreichischen Esterházy-Reich, hat inzwischen der renommierte Geiger, Dirigent und Festspielchef Julian Rachlin vor einem Jahr die Künstlerische Leitung für das dort seit sechs Jahren etablierte Herbstgold-Festival im Schloss übernommen, welches die alten Haydn-Festspiele mit einer offeneren Programmatik ersetzte. 2021 gab es neben den Programmpunkten wie der Haydn Philharmonie unter dem dirigierenden Cellisten Nicolas Alt­staedt, Balkan- und Roma-Sounds sowie Jazz als Fixpunkte jeweils auch einen bekannten Pianisten, einen namhaften Sänger sowie Kammermusikkonzerte, bei denen auch junge Talente im Zen­trum stehen.
Julian Rachlin, der seit mehr als drei Jahrzehnten mit seinem Können begeistert, leitete zwölf Jahre lang das Festival „Julian Rachlin & Friends“ in Dubrovnik. „Das hat mir gezeigt, wie wichtig es ist, die Bevölkerung für kulturelle Projekte in der Heimatstadt zu gewinnen. Auch in Eisenstadt möchte ich, dass die Bewohner sich mit ‚Herbstgold‘ identifizieren,“ erklärt Rachlin. Und natürlich schwärmt er davon als einem der „bedeutsamsten Orte der Musikgeschichte: Von Joseph Haydn über Franz Schubert bis hin zu Ludwig van Beethoven wäre die klassische Musik ohne die Unterstützung und Förderung durch die Fürsten Esterházy nicht das, was sie heute ist.“ Stattgefunden hat vieles davon im heute noch im Original erhaltenen Haydn-Saal des Schlosses.
„Mein Credo für die Programmgestaltung lautet: Etabliertes beibehalten und weitere Highlights setzen“, so Rachlin. Vom 11. bis 25. September 2022 wird der Violinist unter dem von Haydns Sinfonie Nr. 49 „La passione“ entliehenen Motto „Leidenschaft“ erneut Größen aus Kunst und Kultur nach Eisenstadt holen: Darunter Hollywood-Star John Malkovich mit „The Music Critic“, Pianist und Dirigent Sir András Schiff, Tenor Juan Diego Flórez, die österreichischen Kabarettisten Dirk Stermann und Christoph Grissemann mit einem Loriot-Programm, das Janoska Ensemble sowie das Regie-Duo Carolin Pienkos und Cornelius Obonya für Wolfgang Amadeus Mozarts Jugendwerk „Bastien und Bastienne“.
Rachlin selbst wird mit dem Esterházy-Residenzensemble, nämlich dem Chamber Orchestra of Europe, sowie dem Orchester des Teatro alla Scala auftreten. Mit dem großartigen Quatuor Ébène und dem Siegerensemble des Wigmore Hall International Quartet Competition wird Gegenwart und Zukunft des Streichquartetts gefeiert.
Neben dem „Schmuckkästchen“ in der internationalen Festspiellandschaft bietet Herbstgold auch eine kulinarische Entdeckungsreise durch den pannonischen Raum: Pan O’Gusto lädt in die historische Orangerie im Eisenstädter Schlosspark, die bereits im 18. und 19. Jahrhundert Schauplatz rauschender Feste war. Ausgesuchte Produzenten feiner Lebens- und Genussmittel sowie hervorragender Weine stellen ihre Produkte vor und bitten zur Verkostung.

Weitere Infos und Tickets unter:
www.herbstgold.at

Matthias Siehler, 03.09.2022, RONDO Ausgabe 4 / 2022



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