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N° 1273
01. - 07.10.2022

nächste Aktualisierung
am 08.10.2022



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(c) Wolf Silveri

Reinhard Goebel

Vorne, hinten und in der Mitte zusammen

Zum 70. Geburtstag des Geigers, Dirigenten und Musikgelehrten erscheinen auf 75 CDs seine gesammelten Aufnahmen.

Als Reinhard Goebel 1973 das Ensemble Musica Antiqua gründete, war der Markt der historischen Aufführungspraxis noch überschaubar. Goebel fiel rasch auf durch rasante Tempi, äußerste Präzision und seine scharfe Zunge. Am Telefon ist der 70-Jährige bestens gelaunt und setzt in sprudelndem Tempo freche Pointen.

RONDO: Gab es für diese Riesen-Box eine Auswahl?

Reinhard Goebel: Es sind wirklich alle Aufnahmen, die für Archiv entstanden sind, plus zwei CDs von Philips, die Ende der 1970er Jahre mit Ton Koopman entstanden sind, mit belanglosen Klimperstückchen von Haydn. Man wollte mich damals ausprobieren für den holländischen Markt.

Welchen Zeitraum spiegelt die Box?

Wir haben fast 30 Jahre aufgenommen, in dieser Zeit war Musica Antiqua ein Fulltime-Ensemble, mit 120 Konzerten im Jahr und eigenem Probenraum. Es war die Hoch-Zeit der Schallplatte. Und im Unterschied zu heute wurden wir ja auch noch bezahlt! Meine Studenten müssen heute Geld mitbringen, wenn sie eine CD aufnehmen wollen.

Wer hat die Inhalte bestimmt?

Für das Programm war Dr. Holschneider verantwortlich, er hatte Konzertexamen Klavier und war ein herausragender Musikwissenschaftler. Holschneider hielt seine Künstler auseinander, Pinnock durfte Telemann nicht anrühren, Goebel hatte die Flossen von Händel zu lassen.

Wenn Sie ihre alten Einspielungen jetzt hören: Haben sie sich überlebt?

Nein, überhaupt nicht! Einer meiner Lehrer hat sicher drei Mal das Weihnachtsoratorium aufgenommen, weil er später andere Ideen hatte. Ich dagegen habe keine Ideen, habe ich nie gehabt! Das Einzige, was mich interessierte, war, dass es vorne, hinten und in der Mitte zusammen war. So einfach war das für mich. Ich habe nie an Ideen rumgedoktert.

Was war das Credo von Musica Antiqua?

Wir hatten eine Platte bei EMI gemacht, ich saß am Schneidetisch mit der Cutterin und fragte: Was sind denn die gelben Pünktchen da auf dem Band? Da sagte sie: Das sind die Schnitte, hier etwa 700. Ich ging nachhause und habe zu meinen Leuten gesagt: Das darf uns nie wieder passieren! Wir nehmen uns ab sofort in den Proben auf. Man kann das Perfekte noch immer weiter verfeinern.

Wie kamen Sie zur Alten Musik?

Ich war von Anfang an dabei als junger Hörer. Das Wochenende wurde nach den Sendeterminen getaktet. Der WDR war damals weltweit führend in Sachen Alter Musik. Da gab es die geistliche Abendmusik, es gab das Collegium Aureum, das Collegium Musicum, die Cappella Coloniensis kam sonntags um 13 Uhr, da stürzte ich vom Mittagstisch gleich ans Radio. Ich habe dann bei Franzjosef Maier studiert, aber früh schon kamen Harnoncourt und Gustav Leonhardt an mein Ohr, bei Frau Leonhardt machte ich die ersten Gehversuche auf dem Instrument. Und jetzt bin ich Nachfolger von Harnoncourt am Mozarteum in Salzburg.

In den 1970er Jahren waren die Figuren Karl Richter und Karajan noch sehr dominant, oder?

Das waren Feindbilder! Ich fand ihre Musikmache abstoßend hässlich, das klang mir wie geschmierte Leberwurst.

Was hatten Sie vor, als Sie die Musica Antiqua gründeten?

Wir wollten Geld verdienen! Und dann kam der Appetit mit dem Essen. Wir merkten schnell, wir haben ja gar keine Literatur? Ich las jeden Tag zwei Stunden über die Geschichte der Violine und ihrer Musik. Später studierte ich Musikwissenschaft. Und ich spreche gern Französisch und konnte mich so in alle Arten musikhistorischer Literatur einarbeiten. Es kam eins zum anderen.

Wie hat es sich dann entwickelt?

Wir waren pseudo-demokratisch organisiert, aber Goebel hat immer mehr gearbeitet als die anderen. Ab der zweiten Platte sagte dann die Grammophon-Gesellschaft: Wir nennen das in Zukunft so: „Musica Antiqua Köln – Reinhard Goebel“.

Wie haben Sie nach den goldenen Jahren der Schallplatte programmatisch weitergemacht?

Holschneider hat mich erzogen, er hat mir klare Gedankenführung beigebracht. Später hatte ich das Riesenglück, 1983 in den Dunstkreis von Christoph Wolff einzutreten. Bachforschung vom Feinsten, das kann man nicht besser machen. Das gab mir weiteren Auftrieb.

Sie haben das Ensemble 2006 aufgelöst, war ein kritischer Punkt erreicht?

Ich hatte noch mehr vor in meinem Leben. Und ich wollte ohnehin mit 55 aufhören, hartleibige Triosonaten von Giovanni Legrenzi zu spielen. Es war im Grunde genommen alles gesagt, die Barockmusik war für mich erst einmal abgegrast.

Erst mussten Sie als Geiger wegen fokaler Dystonie umlernen, dann haben sie die Geige ganz aufgegeben und das Ensemble aufgelöst, war das ein harter Bruch?

Überhaupt nicht, der Bruch war herbeigesehnt. Es war am 13. August 2006, ich kam von einer missglückten Probe nachhause, in der ich mich mit den goldenen Worten verabschiedet hatte „Leute, ihr wisst ja, wo ihr mich jetzt lecken könnt!“. Es war für mich eine irrsinnige Befreiung von dem Druck, diese Gruppe hinter mir herschleifen zu müssen. Plötzlich war ich frei und allein! Ab sofort konnte ich acht Stunden täglich lesen.

Was bringen Sie ihren Studenten in Salzburg bei?

Aufführungspraxis ist bei mir Aufführungstheorie! Ich ermuntere sie, die Bücher genau zu lesen und sich immer zu fragen, wie etwas zu verstehen sein könnte und dann das erworbene Wissen in die Realisation der Partituren zu stecken.

Wie viel Freiheit gibt es in der Interpretation?

Es gibt nur eine Meinung! Ich bemühe mich durch jahrzehntelanges Studium, die vom Komponisten intendierte eine Lösung zu finden. Man muss differenzieren zwischen seriösen theoretisch flankierenden Werken und solchen, die garantiert falsch sind. Ich sage immer: nicht mit der Carl Philipp Emanuel Bach-Zange an jedes Werk drangehen!

Heute gibt es Hunderte von Spezialisten-Ensembles, sehen Sie noch Entwicklung in der Alten Musik?

Viele treten in hochgradiger Verwirrung nur auf der Stelle! Oft fehlt der geschichtliche Kontext. Die Kinder, die da rumwurschteln, hatten vielfach keinen vernünftigen Geschichtsunterricht, die raspeln da herum von einer Vivaldi-Oper zur nächsten. Wer will sowas hören?

Woran krankt es?

Es fehlt häufig die profunde Auseinandersetzung. Für uns war die Leitschnur, wie Streichquartette arbeiten, wir hatten ja noch keine Barockensembles als Vorbilder. Das ist in diesen Kreisen der Alten Musik völlig verschwunden. Aber wenn man diese Kultur nicht kennt, fehlt etwas Essentielles für die mitteleuropäische Musik.

Sie haben auch so genannte Kleinmeister ausgegraben, ist die Musikgeschichte gerecht?

Sie ist es nicht! Aber wenn ich einen Vortrag über Mozarts Violinkonzerte halte, schaue ich erstmal: Was ist bis dato zum Thema Violinkonzert geleistet worden? Umfeldforschung ist sehr wichtig, das hat aber noch nie jemanden so richtig interessiert. Es fehlt an Forschung auf den Nebengleisen und an Editionen, die man spielen kann! Es gibt ja keine Noten etwa von Giardini. Oder Simon Leduc? Über den schreibt Leopold Mozart voller Bewunderung. Grundsätzlich: Ich liebe Bach noch mehr, seit ich Heinichen kenne! Telemann liebe ich auch, aber Bach ist kompositorisch halt dreimal so dicht und alles ist gesagt, wenn ich die richtige Tonhöhe zur richtigen Zeit spiele.

Sie sind aber weiterhin tätig?

Ich benutze das Medium CD heute nur noch, um meine Kompetenz unter Beweis zu stellen. In Kürze mache ich eine Aufnahme mit den Berliner Barocksolisten, da trete ich als Wissenschaftler und Dramaturg in Erscheinung, wir machen sämtliche italienische Konzerte für vier Violinen! Das ist ganz tolles Repertoire, ein wunderbares Programm mit und für wunderbare Musiker!

Neu erschienen:

Reinhard Goebel, Musica Antiqua Köln
Complete Recordings on Archiv Produktion
75 CDs, Archiv/Universal

Als JPC- und Amazon-Partner verdienen wir an qualifizierten Verkäufen.

Regine Müller, 03.09.2022, RONDO Ausgabe 4 / 2022



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