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N° 1266
13. - 19.08.2022

nächste Aktualisierung
am 20.08.2022



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Traditionalisten unter sich: Daniele Gatti übernimmt in Dresden Christian Thielemanns Stab © Marco Borggreve

Pasticcio

Unterm Strich: eine gute Wahl

Vor fast genau einem Jahr machte sich Barbara Klepsch überregional einen Namen. Denn in ihrer Funktion als Sächsische Staatsministerin für Kultur und Tourismus gab sie bekannt, dass die Dresdner Staatskapelle 2024 den Steuermann austauschen wird. Mit Christian Thielemann, der seit 2012 das Orchester leitet, könne man sich nämlich keinen künstlerischen Neubeginn vorstellen. „Die Oper werde in zehn Jahren eine andere sein als die Oper von heute“, so Klepsch 2021. „Sie werde teilweise neue Wege zwischen tradierten Opern- und Konzertaufführungen und zeitgemäßer Interpretation von Musiktheater und konzertanter Kunst gehen müssen." Für diese Neuprofilierung des Opern- und Konzertbetriebs war nach Meinung Klepschs Thielemann demnach nicht der richtige Mann.
Ein Jahr später ist es nun raus. Die Staatskapelle hat Thielemanns Nachfolger gewählt. Und wenn man Klepschs Anforderungsprofil als Maßstab nimmt, muss man sagen: das Votum für den Italiener Daniele Gatti hat etwas von einer Fehlentscheidung. Nicht nur wird Gatti bei Amtsantritt mit seinen 63 Jahren schon allein vom Alter her nicht gerade den anvisierten Aufbruch verkörpern. In seiner bisherigen Karrierebilanz ist der aus Mailand stammende Dirigent zudem nicht durch Experimentierfreudigkeit aufgefallen, was Opernspielpläne und Konzertprogramme angeht.
Trotzdem ist die Wahl Gattis zu begrüßen. Denn wenn schon mit Thielemann ein Dirigent gehen muss, der sich stets dem Klangzauber der Staatskapelle und Operntradition verpflichtet gefühlt hat, dann hat man mit Gatti den idealen Typus von Dirigenten gefunden, der lieber das Erbe bewahrt, statt seine Zeit mit irgendwelchen modischen, kurzlebigen Trends zu vergeuden. Nicht zuletzt „sein sensibles Gespür für den besonderen Klang der Staatskapelle“ habe ihn daher auch „zum Wunschkandidaten des Orchesters werden lassen“, wie der Orchestervorstand seine Entscheidung begründet. Seit 2000 kennen sich das Orchester und der Dirigent. Und dass man auch in jüngster Zeit zu Gatti stand, als er mit heftigem Gegenwind zu kämpfen hatte, hat ihn wohl darin bestärkt, das Angebot anzunehmen. 2018 war Gatti kurzerhand von seinem Chefposten beim Amsterdamer Concertgebouw Orkest entfernt worden, nachdem Vorwürfe wegen sexueller Belästigung aufgekommen waren. In den nachfolgenden Untersuchen konnte keine der Anschuldigungen bewiesen werden. Dennoch verfolgte Gatti ein gewisser Makel. Doch das ist alles Schnee von gestern. Nun kann sich Gatti, der Verdi genauso beherrscht wie Wagner, auf seinen neuen Lebensabschnitt vorbereiten. Wobei das nächste Zusammentreffen mit dem Orchester bereits Mitte Juli ansteht. Wenn er Mahlers 9. Sinfonie dirigiert.

Guido Fischer



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