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N° 1259
25.06. - 01.07.2022

nächste Aktualisierung
am 02.07.2022



Startseite · Klang · Unterm Strich

Unterm Strich

Ramsch oder Referenz?

CDs, vom Schreibtisch geräumt.

Für die einen ist die Synkope nichts weiter als ein Verstoß gegen die Taktordnung. Anderen gilt sie als das musikalische Wahrzeichen der Leichtigkeit des Seins. Und ist sie nicht Herz und Seele des Ragtime? Und war nicht der Vater des Ragtime, Scott Joplin, zugleich Sohn eines freigelassenen Sklaven? An dieser Stelle frage ich jetzt lieber nicht weiter nach, sonst gibt es noch Ärger mit der musikalischen Gedankenpolizei, deren jüngste Verbotskampagnen zu Fragen postkolonialistisch kultureller Aneignung sich mit Verdis Otello und Maltzahns Dreadlocks befassten. Vielleicht stellt sich demnächst heraus, dass ein großer weißer Pianist wie Marc-André Hamelin keine Ragtimes mehr spielen darf, schon gar nicht die Gesamtaufnahme aller Rags des großen weißen Komponisten William Bolcom, darunter diesen legendären, unverschämt zärtlichen, ungebrochen optimistischen „Graceful Ghost Rag“, der mit den Toten spricht. (Hyperion/Note 1) Es war in den späten Sechzigern, als man gegen den Vietnamkrieg demonstrierte, da entdeckten Bolcom und seine Freunde den Rag plötzlich wieder für sich, sie feierten in ihm den Ursprung der amerikanischen Musik und schickten einander, wie sich Bolcom erinnert, frisch komponierte Rags per Post zu, „wie Schachaufgaben“. Andere Zeiten waren das. Einer der Slogans damals, aus dem Zürcher Manifest von 1968, hieß: „Es ist verboten, zu verbieten“.

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Die Züricher Cellistin Pi-Chin Chien hat jetzt, als „Weltersteinspielung“, gemeinsam mit dem Pianisten Bernhard Parz vier Kammermusiken von Emile Jaques-Dalcroze ans Licht befördert, auf die womöglich niemand gewartet hat. (TyXart/Note 1) Im Booklet steht zu lesen, es handele sich um den einst „weltweit erfolgreichsten Komponist aus der Schweiz“. Die erste beiden Worte dieses Satzes treffen auch zu. Jaques-Dalcroze ist weltberühmt als Reformpädagoge und als Gründungsvater des modernen Ausdruckstanzes. Als Komponist war er nur überaus fleißig. Jedoch: So engagiert gespielt, wie hier, kriegt sogar Konservatoriumsmusik ein bisschen Farbe.

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Das Bläserquintett ist eine historisch exterritoriale Gattung, sie hängt buchstäblich in der Luft. Trotzdem lieben Komponisten diese Kombination aus Holz und Horn, auch finden sich immer wieder Musiker, die sich zu einem festen Ensemble zusammentun. Das ARUNDOSquintett, vor neun Jahren gegründet von Musikstudenten aus Köln, hat es, nach einer Umbesetzungsphase, endlich geschafft, sein Debüt-Album herauszubringen. Es heißt „Origin“ (audite/edel) und präsentiert in einem herrlich blühend-plüschigen Klangbild und mit gestochen scharfer Logik ausschließlich zeitgenössische Musik. Das älteste Werk stammt von György Ligeti. Das jüngste, namens „Ngoma“, schwelgt in meditativ repetiertem Wohlklang, Maximilian Guth, Jahrgang 1992, gewann damit kürzlich einen vom ARUNDOSquintett ausgeschriebenen Kompositionswettbewerb. Dazu kommen sieben lustige Spielmusiken von Thomas Blomenkamp und eine große, schlussendlich zum Choral sich verdichtende Sonate Nr. III von Manfred Trojahn – ebenfalls eine Ersteinspielung.

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Mitten im Lockdown, vor gut einem Jahr, haben Gerald Finley und Julius Drake die „Schöne Müllerin“ performed – als ein Streaming-Konzert, am Royal Walsh College of Music and Drama. Die Aufnahme dazu entstand später in London, jetzt ist sie heraus (Hyperion/Note 1). Man spürt es bereits am ersten Einsatz des Sängers, der, leicht verzögernd, die Fermate im Klavier mitdenkt, dass sich hier ein besonnener, älterer, dunkler Müllersbursch auf die Reise in den Abgrund macht. Er weiß schon, was ihm bevorsteht. Hat ja auch die „Winterreise“ (2014) schon hinter sich, sogar den „Schwanengesang“ (2019). Für Drake und Finley ist dieses Album der Abschluss ihres fulminanten Schubert-Projekts, nicht der Anfang. Sie sind ein perfektes poetisches Team, einander ergänzend in jeder Nuance, jedem Atemzug. Erstaunlich unorthodox die vielen Verzierungen, die sich Finley erlaubt, selbst auf kurzen, unbetonten Taktteilen. Es ist, als streue er sich selbst üppig frische Blumen auf den Weg.

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Eleonore Büning, RONDO Ausgabe 3 / 2022



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Eva Jagun stammt aus einer Kölner Musikerfamilie und lernte zunächst Geige, Flöte, Gitarre und Klavier. Ihre ersten Erfahrungen sammelte sie in diversen Chören und Bands, später studierte sie in Hamburg Musik, seit einigen Jahren lebt sie in Berlin.
Dort arbeitet sie als Sängerin wie auch als Geigerin im Studio und auf der Bühne mit einer Vielzahl von Künstlern zusammen, unter anderen mit Nina Hagen oder Dieter Hallervorden. Wichtige Impulse erhielt sie vom kanadischen Jazzbassisten […] mehr


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