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N° 1260
02. - 08.07.2022

nächste Aktualisierung
am 09.07.2022



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(c) Timor Raz

Jan Vogler

Frisch gestrichen

„Pop Songs“ für vier Saiten? Der Cellist hat sich mit dem BBC Philharmonic Orchestra Gesangs-Hits vorgenommen – aus vier Jahrhunderten.

RONDO: Man kennt Sie als Musiker jenseits des klassischen Mainstreams, mit Sinn für intelligente Projekte und Aufbrüche in neue Welten – warum da nun populäre Häppchenkost?

Jan Vogler: Für mich ist das ein Projekt, an dem ich schon lange geknabbert habe. Mein Vater war Cellist an der Komischen Oper in Berlin, und ich habe damals dort die ganzen Inszenierungen gesehen, wie Harry Kupfers „Orpheus und Eurydike“ mit Schellenberger und Kowalski – da habe ich auch zum ersten Mal die Arie „Ach, ich habe sie verloren“ gehört; oder seinen „Gius­tino“, mit Drachen und unheimlich bunt, dirigiert von Hartmut Haenchen. Als ich dann in Dresden meine Karriere als Solo-Cellist bei der Staatskapelle begann…

…1984, Sie waren gerade 20 Jahre alt …

... da spielten wir sehr viel Oper. Irgendwann stand auch „Die Frau ohne Schatten“ auf dem Programm, und als ich dort mein Solo anstimmte, hieß es hinterher: Das klingt ja fast wie ein Sänger, wenn da aus dem Graben solch ein großes Cello-Solo kommt … Und ich habe gedacht: Man müsste mal all diese großen Arien auf dem Cello spielen. Aber irgendwie fand ich das zu platt, und so habe ich die Idee jahrelang mit mir herumgetragen, aber nie umgesetzt.

Und nun war die Zeit reif?

Während der Pandemie habe ich sehr viel Musik auch anderer Genres gehört, zudem erklangen durch meine Kinder daheim Billy Idol-Songs und alles mögliche Neue. Und irgendwann kam mir dabei in den Sinn, dass es eigentlich diese kurzen Melodien unter fünf Minuten sind, die von Monteverdi bis heute bei den Menschen einen unheimlichen Erfolg haben. Melodien, die sich als Ohrwürmer einprägen – doch damit sie das schaffen, müssen die schon enorm gut sein. Ich habe dann darüber mit Omer Meir Wellber gesprochen, der meinte: Tolle Idee – aber …

… er war skeptisch?

Nein, er sagte nur, das müssten auch wirklich Songs sein, die zu ihrer Entstehungszeit populär waren und von den Leuten auf den Straßen gepfiffen wurden – und hat mir gleich noch ein paar Ideen vorgeschlagen. So haben wir dann angefangen daran zu arbeiten.

Das Ergebnis liegt nun vor – und irritiert ein wenig durch den Titel „Pop Songs“, denn bei den meisten Stücken handelt es sich ja um für Cello arrangierte Arien.

Doch die Oper hatte über Jahrhunderte die Rolle unserer heutigen Popmusik! In Sachsen etwa hat der König ein Opernhaus gebaut und dann für den Tag der Eröffnung genauso viel bezahlt wie für den ganzen Bau! Die Kastraten wurden damals so gut bezahlt wie heute ein Popstar und dementsprechend gefeiert – und wenn sie sangen, umgab sie eine Aura wie unsere Popstars.

Aber haben Sie als Cellist da nicht das Problem, dass Ihnen in solchen Arien-Arrangements einfach die Durchschlagkraft der menschlichen Stimme fehlt?

Man muss schon enorm kräftig spielen, denn selbst bei einer CD-Aufnahme lässt sich das Cello nicht mit Mikrofonen verstärken. Doch vor allem geht es darum, die Stücke zu verstehen und auch musikalisch umzusetzen wie etwa „Casta Diva“, was ich schon als Kind mit der Callas gehört habe: eine unglaubliche Arie! Oder Verdis Geniestreich „Libiamo“: Das sind Werke, wo die Komponisten etwas ganz Besonderes geschafft haben – nämlich den Hörer vom ersten Takt an zu packen und bis zum Ende des Songs nicht wieder loszulassen.

Was dann doch nach einem Sammelsurium populärer Werke klingt, mit dem Sie gute Chancen haben, in den Klassik-Charts ganz oben zu landen …

Ich möchte einfach herausfinden, was man mit dem Cello machen kann. Angefangen habe ich einst mit dem deutschen Repertoire, doch dann habe ich viel experimentiert, auch Werke von Jimi Hendrix und mit Eric Clapton gespielt – und nun bin ich an dem Punkt, wo ich mich frage: Was kann man mit dem Cello noch alles machen – vor allem was auch mir liegt? Mein Ansatz ist, mit dem Ton etwas auszudrücken und das ist auch meine Motivation, weiterhin zu neuen Ufern aufzubrechen, denn ich denke: Ich kann klanglich auf dem Cello etwas gestalten, was vielleicht nicht jeder kann. Und insofern war dieses Album für mich eine Herausforderung, diese Geschichten auch stilistisch differenziert zu erzählen, von der frühen Musik eines Monteverdis bis zu den Beatles oder Michael Jackson.

Ein Aufbruch zu neuen Ufern – doch hat die CD im Zeitalter des Downloads und Streamings überhaupt noch eine Zukunft?

Das Streaming finde ich hochinteressant, denn die Zahlen dort gehen in Größenordnungen, wie sie einst ein Karajan mit seinen Platten erzielt hat. Nicht nur, dass die Streaming-Plattformen jede Ecke der Welt erreichen, sie werden auch sehr gut angenommen: Für Menschen, die irgendwo in der Welt sind und eine neue Platte hören wollen, ist es einfach praktisch, auf diese Plattformen zu gehen.

Den oft beschworenen Tod der CD fürchten Sie also noch nicht?

In verschiedenen Märkten ist die CD noch sehr lebendig – zumal für Klangmenschen wie mich allein die CD in Frage kommt, weil man nur dort die Datenmenge wirklich wahrnimmt und alles hört, was ich auch gespielt habe. Wobei es schon enorm ist, was es heute an Möglichkeiten gibt, um klassischer Musik zu lauschen, die mehr denn je gehört wird.

In Kombination dieser verschiedenen Konsumformen gilt dann also auch für den kleinen Silberling „Totgesagte leben länger“.

Unbedingt – ja, solche CD-Aufnahmen haben für mich sogar eine größere Bedeutung als Live-Konzerte. Denn in einer Aufnahme kann man seine musikalische Meinung einmal so richtig formulieren – und die bleibt und kann noch 20 Jahre später angehört werden. Viele klassische Musiker unterschätzen, wie wichtig solch eine Präsenz der eigenen Musiksprache ist – vielleicht wichtiger denn je: Denn wir wollen ja nicht austauschbar sein, sondern zeigen, wie verschiedenartig Musik auch heute noch ist.

Neu erschienen:

Monteverdi, Vivaldi, Gluck, Rossini, Verdi, Gershwin, Lennon, Jackson

„Pop Songs“

mit Vogler, BBC Philharmonic, Wellber

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Christoph Forsthoff, RONDO Ausgabe 3 / 2022



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