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N° 1260
02. - 08.07.2022

nächste Aktualisierung
am 09.07.2022



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(c) Jonathan Vivaas Kise

Mari Samuelsen

Facetten des Lichts

Auf ihrem neuen Album „Lys“ geht die norwegische Geigerin dem Phänomen Licht auf die Spur – und erweckt dabei neue Töne zum Leben.

Licht ist in Norwegen bisweilen eine rare Angelegenheit. Mag sein, dass daher auch die Faszination rührt, die Mari Samuelsen für dieses Phänomen hegt, auch wenn sie selbst in Oslo, und damit im vergleichsweise lichtverwöhnten Süden des Landes wohnt. „Lys“ bedeutet Licht in ihrer Heimatsprache, und so heißt auch das neue Album der norwegischen Geigerin, das zweite nach ihrem Debüt 2019. „Die Idee dazu kam mir, während ich auf einen verspäteten Flug wartete“, erzählt sie. „Es war insgesamt eine sehr stressige Zeit, doch hier hatte ich endlich einmal Raum, in Ruhe nachzudenken.“ Die Ideen schossen ihr durch den Kopf, Mari Samuelsen hörte Klänge, die sich bald zu einem Konzept verdichteten. Dabei dachte sie an befreundete Komponistinnen, deren Werke sie schätzt und deren Ästhetik genau ihren Vorstellungen für ein neues Album entsprach. „Dass am Ende nur Stücke von Frauen auf der CD zu hören sind, ist mehr oder weniger Zufall.“ Das Thema „Licht“ als roter Faden bildete sich auch erst im Laufe der Zeit heraus.
„Jeder kennt die Wirkung, die das Licht auf uns hat, wenn wir in der Natur spazieren gehen. Das war mein Ausgangspunkt“, sagt Mari Samuelsen, die in Hamar, einer Kleinstadt unweit des olympischen Winterspielorts Lillehammer aufwuchs. „Doch es gibt so unterschiedliche Formen von Licht, von dem gleißenden Licht, das Menschen kurz vor ihrem Tod sehen sollen, bis zu eher hässlichen, beunruhigenden Ausprägungen, Krankenhauslicht zum Beispiel.“ All diese Facetten versucht Samuelsen auf ihrem neuen Album einzufangen. Das Problem: Die Musik, die sie brauchte, existierte zu einem Großteil noch gar nicht. Etliche der hier zu hörenden Tracks sind Auftragswerke wie das elegisch schwelgende „White Flowers Take Their Bath“ der Berliner Komponistin Meredi gleich zu Beginn oder das von der heiteren Sonne des Mittelmeers erzählende „Sol levante“ der Italienerin Laura Masotto. „Durch diesen direkten Austausch zwischen Interpretin und Komponistin konnte ich auch meine eigenen Vorstellungen und Wünsche einbringen“, sagt Mari Samuelsen ganz im Sinne eines einheitlichen musikalischen Konzepts.
Insgesamt 13 Komponistinnen steuern einen Beitrag zum Thema Licht bei, die meisten von ihnen aus dem Spektrum der sogenannten Neoklassik: einer musikalischen Richtung, die vor allem Einflüsse der Minimal Music, aber auch aus Pop und Ambient aufnimmt. Zwei Arrangements auf dem gemeinsam mit Scoring Berlin und dem Dirigenten Jonathan Stockhammer aufgenommenen Album jedoch fallen aus dem Rahmen. Zum einen das vom göttlichen Licht inspirierte „O vis aeternitatis“ der mittelalterlichen Mystikerin Hildegard von Bingen und Beyoncés Hit „Halo“: eine große musikgeschichtliche Distanz, die der Klang der Geige – rin Mari Samuelsens Fall einer Guadagnini aus dem Jahr 1773 – jedoch vollkommen überbrückt. Vermutlich kein anderes Instrument könnte dem Phänomen Licht auf so plastische Weise Ausdruck geben. „Auch wenn ich ein großer Cello-Fan bin“, sagt Mari Samuelsen, „ist es kein Zufall, dass ich Geige spiele.“

Neu erschienen:

Meredi, Masotto, von Bingen u. a.

„Lys“

Marie Samuelsen

DG/Universal

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Stephan Schwarz-Peters, RONDO Ausgabe 3 / 2022



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