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N° 1259
25.06. - 01.07.2022

nächste Aktualisierung
am 02.07.2022



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Weichenstellungen: Das Quartet Gerhard hat sich nach dem heute vergessenen Komponisten Robert Gerhard benannt – der Name ist Programm © Michal Novak

Quartet Gerhard

Sternendeuter der Moderne

Ein neuer Name: Das junge Quartett hat sich aufgemacht, die großen Unbekannten der Moderne zu suchen. Denn Streichquartette können nur die Besten schreiben.

„Klar, langes Haar ist eine Voraussetzung, um in unserem Ensemble zu spielen“, lacht Judit Bardolet Vilaró – und auch die drei Männer des Quartet Gerhard können sich ein Schmunzeln unter ihren Mähnen nicht verkneifen. „Als wir damals zusammenkamen, waren wir ja noch sehr jung und entsprechend lang waren bei allen die Haare“, erzählt die zweite Geigerin. Irgendwann setzten ihre Friseure dann die Scheren an – ihre aktuellen Pressebilder zeugen noch davon – „doch dann kam Corona und während der langen Lockdowns in Spanien waren die Salons geschlossen: Das Ergebnis sitzt dir nun gegenüber“, grinst Bratscher Miquel Jordà Saún.
Genug der haarigen Geschichten, denn mindestens so eigen und kreativ wie die Zopf- und Haarband-Kreationen der vier Katalanen sind ihre Programme und Interpretationen. Eine Individualität, die schon im Namen steckt, für den der spanische Komponist Robert Gerhard Patron stand: Ein spanischer Komponist mit französisch-schweizerischen Wurzeln, Schüler und später Freund Arnold Schönbergs, Vorreiter der elektronischen Musik und zweifellos ein wichtiger Vertreter der europäischen Avantgarde – und doch ist sein Werk hierzulande weitgehend unbekannt. „Er hat eine neue Sprache gesucht und wollte seinen ganz eigenen Weg gehen“, skizziert Primarius Lluís Castán Cochs den Landsmann, der 1896 im katalonischen Valls zur Welt kam – ganz in der Nähe der Geburtsorte der drei Quartett-Herren. „Radikalität und Klarheit, Zwölfton- und serielle Musik, aber auch katalanische Folklore – Gerhard hat in seinem Werk viele verschiedene Aspekte aufgenommen, ohne jemals seine Wurzeln und sein eigenes musikalisches Erbe zu vergessen.“
So auch in seinem zweiten Streichquartett, mit dem das spanische Kleeblatt jüngst seine Visitenkarte in der Elbphilharmonie abgab: Komplex in der Satztechnik, raffiniert in der Klanglichkeit stehen sich hier fließende Strukturen und statische Elemente gegenüber – und die Zuhörer in Hamburgs Vorzeige-Konzerthaus konnten dieses originelle Werk nicht nur in einer lebendigen, sondern geradezu elektrisierenden Interpretation erleben. Da saßen vier Musiker auf ihren Stuhlkanten, äußerst präzis in ihrem scheinbar blinden Verständnis, vor allem aber unglaublich frisch, ja geradezu draufgängerisch in ihrem Spiel. Ganz in der Tradition dieser Gattung habe Gerhard komponiert, sagt Cellist Jesús Miralles Roger: „Nur die Besten können für Streichquartett schreiben – und er kannte diese Gattung sehr gut, so dass man ihn problemlos mit Mozart, Beethoven oder Schubert kombinieren kann.“ Was die Spanier denn an der Elbe auch taten, als sie ihren Auftritt nach der Pause mit dem 45-minütigen Marathon in Gestalt des G-Dur-Werkes des Frühromantikers fortsetzten: Eine Dreiviertelstunde das Drama der menschlichen Existenz, ebenso wild wie spröde, voller interpretatorischer Intelligenz inmitten der Kraftausbrüche – im Miteinander wie im Gesamtklang ein bestens eingespieltes Team.

Auf die Freundschaft

Dabei sind die Vier erst Mitte Dreißig – wie lässt sich in solch für ein Streichquartett jungen Jahren eine derartige Dichte und Lebendigkeit im Klang erreichen? Von Vorteil ist zweifellos, dass sich die Männer aus der Kleinstadt Vila-seca in der Provinz Tarragona schon seit Schulzeiten kennen. „Die Musik hat uns zu Freunden gemacht, doch wir haben uns nie darüber Gedanken gemacht, Quartett zu spielen“, erzählt Castán Cochs. Dafür aber über Partys, Wein und gutes Essen … und so blieb die Freundschaft auch bestehen, als die Drei sich fürs Studium über Europa verstreuten. Bis es die jungen Musiker dann wieder in die Heimat zurückzog und auf einmal mit Judit Bardolet Vilaró aus dem Spaß-Trio ein Streichquartett ward. „Ich hatte einfach das Glück, auf die drei zu treffen, denn es passte alles zusammen“, erinnert sich die Geigerin. „Es war genau der richtige Moment mit den richtigen Leuten – so wie es diese ganz besonderen Sternen-Konstellationen am nächtlichen Firmament gibt.“ Einzigartig eben, ohne dass man darüber große Worte verlieren muss – und auch die Vier schwiegen seinerzeit, doch tief in ihrem Inneren spürten sie diese ganz besondere Verbundenheit.
Ein erstes gemeinsames Programmstudium auf einer einsamen Burg vertiefte die Bande, und schnell hatten sie sich auch auf ihren keine halbe Stunde von Vila-seca entfernt geborenen, so eigenen Landsmann als Namensgeber verständigt. Da verwundert es kaum, dass sie sich mit Rainer Schmidt einen Lehrer auswählten, der als Mitglied des Hagen Quartetts schon seit Jahrzehnten die Trüffelsuche in der Moderne wie auch die Neuentdeckung der Klassiker pflegt – vor allem aber mit ihnen am ganz eigenen Klang gearbeitet hat. „Der erste Lehrer, das ist wie der erste Kuss“, lacht Jordà Saún – nun, die seinerzeit erlebte „Gänsehaut beim gemeinsamen Spiel“ ist auf jeden Fall bis heute geblieben. Ebenso wie die Neugier des Quartet Gerhard, das seinen Erfolgsweg der programmatischen Mischung aus bislang kaum entdeckten Komponisten des 20. und 21. Jahrhunderts sowie Klassikern ihres Genres auch bei seinen CD-Aufnahmen konsequent geht. „Das ist nun einmal unser Markenzeichen – und wir können dem Publikum so unbekannte Werke viel einfacher näherbringen“, hat Roger festgestellt. „Ja, oftmals kommen sie hinterher und erzählen uns, dass ihnen das Werk Gerhards in unserem Konzert eigentlich am besten gefallen hat.“
Oder demnächst vielleicht von Ramón Humet, dessen zweites Streichquartett das Ensemble sich nun für seine neue Einspielung vorgenommen hat. Ein tönender Mystiker, ihr 1968 geborener, von Zen und Natur geprägter katalanischer Landsmann, dessen sphärisch-kontemplative Klangwelt am eindrucksvollsten in einem abgedunkelten Raum zu erleben ist: Schließlich entsprang die Idee zu dem Werk (s)einem nächtlichen Erlebnis in einem Biwak inmitten der Natur … Und so lassen die Vier die musikalischen Akzente einmal mehr leuchten und funkeln. Manchmal passt eben alles – genauso wie am nächtlichen Sternenhimmel.

www.gerhardquartet.com

Klappe und Action

Wie ist das, wenn plötzlich ein Bestseller-Autor klingelt? Das Quartett hat es am eigenen Leib erfahren, als Xavier Bosch ihnen schrieb, „ob wir uns nicht auf einen Kaffee treffen könnten“, erzählt Jordà Saún. „Wir waren total perplex …“ Der katalanische Journalist und Schriftsteller hatte die Vier einige Jahre zuvor im Konzert erlebt und wollte nun einen Dokumentarfilm über Robert Gerhard und seine musikalischen Botschafter drehen. Eine „einzigartige Erfahrung“ seien die anderthalbjährigen Aufnahmen gewesen, die nun mit dem Elbphilharmonie-Auftritt ihre Schlussszene fanden – nach dem Schnitt soll der 90-Minüter dann nicht nur im spanischen Fernsehen, sondern auf Kulturkanälen in aller Welt laufen.

Christoph Forsthoff, RONDO Ausgabe 2 / 2022, Online



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Eva Jagun stammt aus einer Kölner Musikerfamilie und lernte zunächst Geige, Flöte, Gitarre und Klavier. Ihre ersten Erfahrungen sammelte sie in diversen Chören und Bands, später studierte sie in Hamburg Musik, seit einigen Jahren lebt sie in Berlin.
Dort arbeitet sie als Sängerin wie auch als Geigerin im Studio und auf der Bühne mit einer Vielzahl von Künstlern zusammen, unter anderen mit Nina Hagen oder Dieter Hallervorden. Wichtige Impulse erhielt sie vom kanadischen Jazzbassisten […] mehr


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