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N° 1266
13. - 19.08.2022

nächste Aktualisierung
am 20.08.2022



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Psychische Grenzbereiche auslotend: Der Komponist Heinz Holliger erhält den Robert-Schumann-Preis für Dichtung und Musik © Priska Ketterer

Pasticcio

Sinnliche Ausnahmezustände

Dass Heinz Holliger aus der Schweiz kommt, hört man nicht nur seinem Dialekt an. Auch in seinen Kompositionen tauchen – wie etwa in seinem Violinkonzert – landestypische Instrumente wie das Hackbrett auf. Alpineske Klangbodenständigkeit, kombiniert mit einer auch mikrotonal extrem feingegliederten Gestaltungskunst – das funktioniert auf mehr als einer Ebene. Bei Holliger bilden beide so gegensätzlich wirkenden Welten eine verblüffende, weil irgendwie etwas drittes Neues schaffende Symbiose. Nun ist der 1939 im bernischen Langenthal geborene Musiker aber eben nicht nur einer der angesehensten und avanciertesten Neue Musik-Komponisten unserer Zeit. Der einst von Sándor Veress und Pierre Boulez in seiner Tonsprache geprägte Holliger ist zudem seit seinen ersten Musikwettbewerbspreisen, die er vor einem halben Jahrhundert im Fach „Oboe“ erspielte, auf diesem Blasinstrument eine Instanz, ja schon fast eine Legende.
Und dann gibt es noch den musikenzyklopädisch gebildeten Dirigenten, der Spezialisten-Ensembles für zeitgenössische Musik genauso beeindruckend leitet wie beispielsweise die Edel-Philharmoniker aus Berlin und Wien. „Ich kann gar nicht ohne Musik sein“, sagt denn auch der inzwischen 84-Jährige von sich. „Mein Kopf funktioniert gar nicht ohne Musik.“
Wer so nach der Devise „Sempre la musica“ lebt, arbeitet und atmet, der kann auf ein umfangreiches, von der Oper über Solo-Konzerte bis hin zu Klavierstücken reichendes Schaffen zurückblicken. Und besonders in seinen Vokalwerken nähert er sich immer wieder dem Menschenwesen am Rande des Abgrunds, dem Aus-der-Welt-Gefallenen. Der Komponist Robert Schumann und der Dichter Robert Walser, die beide in der Nervenheilanstalt endeten, bilden da genauso eine Konstante im Schaffen Holligers wie die von Sehnsüchten und Hoffnungslosigkeit durchsetzten Stücke und Dichtungen von Trakl, Celan und Beckett.
Allesamt sind es Personen, die es sich nicht leicht gemacht haben oder machen konnten. Und speziell mit Schumann und Hölderlin hat er sich intensiv auseinandergesetzt. Für den 1975 begonnenen „Scardanelli-Zyklus“ fragmentierte er das Spätwerk Hölderlins in Text-Bruchstücke und lotete sie in klanglich extremen Ausnahmezuständen aus. Nicht weniger beklemmend wuchtig und gespenstisch ist Holliger in seinen Kammermusikwerken vorgegangen, um das Konfliktpotential gerade in Schumanns Spätschaffen und seinen letzten Lebensjahren zu ergründen. Und mit „Gesänge der Frühe“ für Orchester, Chor und Tonband sollte er 1987 gar beide – Schumann und Hölderlin – mit einer Klangsprache auch voller mikrotonaler Irritationen und scharfkantiger Brüche zusammenführen.
Auch für solche Kompositionen, in denen er „psychische Grenzbereiche“ auslotet, erhält Holliger nun von der Mainzer Akademie der Wissenschaften und der Literatur den „Robert-Schumann-Preis für Dichtung und Musik“. Bei aller Hörarbeit, die er vom Publikum verlangt, sei seinen Stücken eine sinnliche, bisweilen auch soghafte und sogar unterhaltsame Qualität eigen, die ohne eine wechselseitige Verdichtung von Musik und Dichtung undenkbar wäre. Der Preis ist mit 15.000 Euro dotiert und wird am 10. November verliehen. Und wer einen brandaktuellen Eindruck von Holligers Klangsprache bekommen möchte, der greift zur Weltersteinspielung seiner Nikolaus Lenau-Oper „Lunea“, die gerade beim Label ECM und mit Christian Gerhaher in der Hauptrolle erschienen ist.

Guido Fischer



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