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N° 1272
24. - 30.09.2022

nächste Aktualisierung
am 01.10.2022



Startseite · Klang · Unterm Strich

Unterm Strich

Ramsch oder Referenz?

CDs, vom Schreibtisch geräumt.

Immer noch gilt es, vereinzelte Reste wegzuräumen von dem Riesenbeethovenrummel, der 2020 als eines der ersten Events von Corona geschreddert worden war. Über einiges kann man sich freuen, beispielsweise über interessante Werke der Beethoven-Kollegen Wranitzky oder Eberl, die jetzt endlich eingespielt wurden. Doch das meiste sind überflüssige Devotionalien, wie diese: Emanuel Ax geht zurzeit mit Leonidas Kavakos und Yo Yo Ma auf Tournee, um Beethovens zweite und fünfte Sinfonie unter die Leute zu bringen. „Beethoven for Three“ heißt die CD dazu (Sony). Die Klaviertrio-Bearbeitung der Zweiten ist historisch, sie stammt von Beethovens Schüler ­Ferdinand Ries. Dazu gibt es freilich längst inspiriertere, weit weniger spiegelglatte Interpretationen, etwa vom Florestan Trio. Das routiniert-klischeehaft gefasste Trio-Arrangement der Fünften hat Ax eigens beim Komponisten Colin Matthews bestellt. Wozu?

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Das Biedermeier liebte Nacht und Träume, davon zeugen die vielen Spuren schwarzer Romantik im deutschen Kunstlied. Das jüngste Konzept-Album zum Thema heißt „Hello Darkness“ (Challenge Classics/Bertus). Olivia Vermeulen und Jan Philip Schulze haben dazu eine verstörend aktuelle Mischung zusammengestellt, die vom Lamento in Moll bis zur messerscharfen Moritat reicht, sie schwärmen aus bis in jüngste, surreale ­Go­thic-Tendenzen. Von Franz Schuberts „Der Tod und das Mädchen“ ist es nur ein kleiner Schritt bis zu Billie Eilishs „Listen Before I Go“, neben den filigranen Schlafliedern Alban Bergs funkelt böse Nick Caves „Fluch von Millhaven“, neben Strauss prangt Rihm. All diese Lieder vom Tod wirken politisch aktuell allein durch den Kontext, man spürt das, ergriffen bis in die Knochen: Sie gehen uns etwas an. Wozu nicht zuletzt die unmittelbar klare, traumhaft wandelbare Diktion der Sängerin beiträgt, auch die an Synthesizer und Klavier sich austobende Poesie des Pianisten.

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Gemeinsam zur Auferstehung stürmen, in überaus gut gelauntem Fugato, der Countertenor Franz Vitzthum und der Tenor Georg Poplutz: zwei fein geführte, charakteristisch gefärbte Stimmen, die einander jubelnd in Terzen umschlingen, wenn es „allzu schön“ wird. „Eile Seele, in die Höhe“ heißt dieses Himmelfahrts-Duett von Christoph Graupner, komponiert vierzig Tage nach Ostern, anno 1728. Graupner, Darmstädter Hofkapellmeister und Zeitgenosse Bachs und Händels, war ein Meister der bildmächtigen, plastisch einprägsamen Rhetorik. Aus den mehr als 1400 Kirchenmusiken, die er für die Sonntage seines Landesherrn schrieb, hat Martin Jopp für das neue Album seines Main-Barockorchesters Frankfurt eine Handvoll Secco-Rezitative, Arien und Duette aus zehn verschiedenen Osterkantaten zusammengestellt, dazu eine Ouvertürensuite und ein Doppelkonzert für zwei Violinen im italienischen Stil (Accent/Note 1). Damit hat die anhaltende Graupner-Renaissance wieder neue Schätze zutage gefördert. Jopp selbst spielt beherzt die erste Geige. Einziger Einwand: eine Spur zu viel Hall.

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Wer eine Gesamtaufnahme der Streichquartette von Arnold Schönberg in Angriff nimmt, kassiert hierzulande heute immer noch Absagen bei den Veranstaltern. Es ist absurd! So hatte dies zuletzt das Kölner Asasello Quartett erfahren, auch das famose Gringolts Quartett aus Zürich – vier junge Musiker aus vier Ländern, angeführt von dem russischen Primarius Ilya Gringolts – tut sich, wie man hört, schwer mit der „Vermarktung“ ­dieser vier Klassiker der ­Moderne. Dabei gelang ihnen bereits mit Vol. 1 (den Quartetten Nos. 2 und 4) eine von der britischen ­Kritik hoch gelobte, neue Referenzaufnahme. Das wird jetzt vom zweiten Album (mit Nos. 1 und 3) triumphal bestätigt. (BIS/Klassik Center). Von einem glühenden Espressivo beseelt wirkt die Durchgestaltung des ersten Zwölfton-Streichquartetts der Musikgeschichte zugleich saftig-sinnlich und filigran. Und viele der romantisch-chromatisch sich weit wölbenden Melodiebögen des d-Moll-Quartetts No. 1, op. 7 könnte man, so wie Schönberg es sich einst erträumte hatte, auf der Straße pfeifen.

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Eleonore Büning, 02.04.2022, RONDO Ausgabe 2 / 2022



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