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N° 1273
01. - 07.10.2022

nächste Aktualisierung
am 08.10.2022



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Eugen Engel: „Grete Minde“ in Magdeburg (Wollrab, Shulman, Chor), Foto: (c) Andreas Lander

Fanfare

Proben, Pleiten und Premieren: Höhepunkte in Oper und Konzert

Das hätte man sich sparen können. Anlässlich der Tausendjahrfeier der Stadt Tangermünde wurde im September 2009 in Stendal die Oper „Grete Minde“ von Søren Nils Eichberg uraufgeführt. Die thematisiert jene seltsame Antiheldin in Theodor Fontanes gleichnamiger historischer Novelle, die es wirklich gegeben hat und die, von den hartherzigen Verwandten um ihr Erbe gebracht, im Jahr 1617 den Stadtbrand von Tangermünde gelegt haben soll. Eine Anlassoper also. Einmal urinszeniert, nie mehr gehört.

Dabei gab es schon, komponiert in den Dreißigerjahren, eine weitere „Grete Minde“, die jetzt in Magdeburg uraufgeführt wurde. Eugen Engel, ihr Komponist, eigentlich ein Textilkaufmann, war Jude, 1943 wurde er in Sobibor ermordet. Zwei Enkel leben heute in San Francisco. Und hatten im Keller, neben kleineren Werken, die Partitur der großen historischen Oper. Ein Stolperstein an Engels ehemaliger Wohnung in der Berliner Charlottenstraße brachte über Umwege Anna Skryleva, die neue Generalmusikdirektorin von Magdeburg, auf die Spur.

40.000 Euro investierte das Theater in die Herstellung der Orchesterstimmen. Die späte Premiere, solide mit Vierzigerjahre-Anklängen inszeniert und sehr gut gesungen, sie wurde ein Triumph für die nie gehörte Musik. Kleinteilig, ja zeitgeistig hektisch, dabei von spätromantischer Überwältigungskraft, mit Wirtshausszene und Kurfürsten-Einzug. Von Twenties-Zeitgeist, Dodekafonie, erotischer Hysterie und Polystilistik will sie nichts wissen, obwohl es Tänze, Volksliedweisen, Hymnen, diverse Wagner-Zitate und largo-dunkle Lyrik gibt. Wäre das jemals gespielt worden ohne die anrührend verschlungene Geschichte dieser Oper? Geht es hier um mehr als nur historische Gerechtigkeit? Schwer zu sagen. Aber großartig, es gesehen zu haben

Wir wechseln von der Elbe an den Genfersee. Jean-Baptiste Lullys „Atys“, ein Fünfakter von 1676, handelt von einem phrygischen Halbgott, in den sich die Göttin Cybele verliebt, als deren Priester er dient. Er aber liebt die Nymphe Sangaride. Das muss tödlich enden. Die Nymphe stirbt von seiner Hand, er auch – und wird zur Pinie. Die 1987 unter William Christie eingespielte und szenisch aufgeführte Oper markierte den Beginn der Renaissance französischer Barockbühnenwerke im eigenen Land.

Nüchtern, dunkel, konzentriert, so gab am Grand Théâtre de Genève der Choreograf Angelin Preljocaj mit „Atys“ sein Operndebüt – ganz und gar heutig. Am Pult stand Leonardo García Alarcón mit seiner Cappella Mediterranea, der der Partitur perfekt ausbalancierte Leichtigkeit wie Schwere gab. Er erzählte in köstlichen Verzierungen und in engster Verzahnung mit der Bühne ein fernes, uns trotzdem rührendes Geschehen.
Eines, das Preljocaj vor einer grauen Mauer und verbrannten Ästen in fernöstlich anmutender Kostümoptik ganz aus dem Tanz heraus inszenierte. Stark eingebunden ist das Ballett, das so kraftvoll wie geschmeidig sich die Szene für die reduzierten Barock-Divertissements eroberte. Ohne dass die Tänzer das Singpersonal mit dem verletzbar fein klingenden Tenor Matthew Newlin als todtraurigem Atys, einfach verdoppeln.

Und wir schauen noch kurz im Potsdamer Nikolaisaal vorbei. Dort gastierte Bariton-Beau Benjamin Appl mit der „Wintereise“. Aber nicht so wie – mit dem intensiv ebenfalls beteiligten Pianisten James Baillieu – gerade sehr eigenwillig auf neuem Album festgehalten. Vielmehr wurden hier Schuberts und Wilhelm Müllers metaphorische Kältevisionen literarisch konterkariert von Harald Krassnitzer. Der Schauspieler und Wiener „Tatort“-Ermittler las Texte aus den Tagebüchern der österreichischen Nordpolexpedition von 1872-74. Das läuft parallel und verbindet sich trotzdem spannungsvoll. Und am Ende ist dann die Rede davon, dass das Kaiser-Franz-Joseph-Land irgendwann von Russland annektiert wurde…

Matthias Siehler, 02.04.2022, RONDO Ausgabe 2 / 2022



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