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N° 1273
01. - 07.10.2022

nächste Aktualisierung
am 08.10.2022



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(c) Uwe Arens

Akademie für Alte Musik

Prost! Prost! Prösterchen!

Zum 40-jährigen Jubiläum dreht die Akademie für Alte Musik neu auf – und ist präsenter und produktiver denn je.

„Akamus“, dieser Name ist eine der raren, koseförmigen Bezeichnungen für ein Musikerensemble. Die Akademie für Alte Musik Berlin, vor 40 Jahren mit einem Festkonzert im Schloss Köpenick gegründet, nannte sich anfangs nur selber so. „Akamus war ein internes Kürzel, wobei wir an Mus und an Kartoffelpuffer dachten“, so erzählt Konzertmeister Bernhard Forck. Man habe den akademischen Anspruch, obwohl man ihn hatte, dahinter verbergen wollen. „Echt süß, dass der Name irgendwann offiziell wurde. Uns hat’s amüsiert“, so Forck. „Wir fühlten uns geschmeichelt.“
Wir schreiben das Jahr 1982. Tiefste DDR, möchte man fast sagen. Die Wende war noch fern. Gesamtwirtschaftlich ging’s sachte, aber unübersehbar bergab. „Barockorchester gab es bei uns gar nicht, und auch wir wollten ursprünglich Bach auf modernen Instrumenten spielen“, erinnert sich Forck. „Da kamen wir plötzlich in Kontakt mit einem Cembalo-Bauer und einem Instrumentensammler, die uns mit einer Fülle alter, teilweise auf Dachböden zusammengesuchter Instrumente konfrontierten.“ Man nahm die alten, vielleicht sogar ein bisschen ramponierten Dinger vorsichtig in die Hand. Und begann zu kratzen. „Es war Learning by Doing“, so Forck. Unversehens waren die Würfel gefallen, und ein Alte Musik-Ensemble geboren, das bis heute zu den absolut Besten seiner Art zählt.
„Schon vor der Wende kam auch der Kontakt zu René Jacobs zustande, den wir als Sänger zu unserer Konzertreihe ins damalige Berliner Schauspielhaus (Anm. das heutige Konzerthaus) einluden“. Mit Jacobs, dem Countertenor, machte man auch erste Aufnahmen. „René war damals ziemlich aus dem Häuschen, denn wir hatten nicht weniger als zwei Wochen für eine Aufnahme Zeit.“ Eine Arbeits-Liebesbeziehung war begründet, die bis heute hält. Bald schon mit René Jacobs als Dirigent, der 1992 mit der h-Moll-Messe von Johann Sebastian Bach eine erste, legendäre Jubiläumsaufnahme machte.
Bei dieser h-Moll-Messe war der wichtigste musikalische Partner in Berlin, der RIAS Kammerchor, gleichfalls schon gefunden und mit dabei. Zwei Jahre später begann René Jacobs mit einer legendären Serie von Barockopern an der Berliner Staatsoper, zu der er die Akademie für Alte Musik regelmäßig einlud. Etliche Höhepunkte von Georg Friedrich Händel, Reinhard Keiser und Alessandro Scarlatti wurden als Aufnahmen realisiert (s. u.). In diesem Herbst wird die Serie mit Händels „Giustino“ fortgesetzt.

Klang mit Biss und rhythmische Kraft

„Unser Kern bestand anfangs aus Leipziger Studenten. Stephan Mai, von Beginn an Konzertmeister, hatte jeden Samstag in der Motette der Thomaskirche gesessen.“ Grundsätzlich könnte man die Frage stellen, ob dem Ensemble die Herkunft aus Ostberlin irgendwie anzuhören sei. Immerhin ist die Besetzung des mittlerweile auf 30 Musiker aufgestockten Ensembles bis heute in großen Teilen immer noch dieselbe. „Ein Generationswechsel steht erst jetzt bevor, wir sind miteinander gealtert“, so Forck. Mehrere Geiger waren Schüler des legendären, heute 84-jährigen Eberhard Feltz gewesen (von dem auch etliche Streichquartette, so das Quatuor Ébène maßgeblich inspiriert wurden).
„Unsere Stärke“, meint Bernhard Forck rundheraus, „bestand – abgesehen von musikalischer Risikofreudigkeit im Konzert, die viele Ensembles für sich beanspruchen – in: rhythmischer Kraft“. In Kantigkeit und Pointiertheit. Man habe es nie vorrangig auf schönen Klang abgesehen gehabt – obwohl dieser in Ostdeutschland durchaus von Bedeutung war, zum Beispiel in der bis heute herrlich wohlklingenden Dresdner Staatskapelle. „Wir wollten auch hässlich klingen können, der gelegentlich drastische Ausdruck war uns wichtiger.“ Soll das nun etwa spezifisch ostdeutsch sein? – Unsinn! Melodie und Rhythmus, das sind sehr grundsätzliche musikalische Parameter. Man kann sie nicht nach Himmelsrichtungen sortieren.
Ein entscheidender Luxus der Akamus war von Beginn an, dass man auf einen Chefdirigenten verzichtete. „Wir waren klein genug, um allein auszukommen“, so Forck lakonisch – und im Bewusstsein, als Konzertmeister selbst die Leitungsfäden gelegentlich in der Hand zu halten. „Ich bin dabei gegenüber einem Dirigenten sogar im Vorteil. Denn ich bin, mit der Geige in der Hand, direkter Teil des musikalischen Dialogs.“ Kein Außenstehender also.
„Wir konnten es uns leisten, keinen Chefdirigenten zu haben, und halten es so bis heute, sogar bei dem Beethoven-Zyklus, den wir kürzlich bei harmonia mundi gestartet haben.“ Dass ihnen das zum Vorteil ausschlug, ist nicht selbstverständlich. Etwas größere Ensembles wie das Chamber Orchestra of Europe oder das Mahler Chamber Orchestra, gleichfalls ohne festen Chef, hatten über Jahre hin immer wieder ästhetische Profilverluste zu kompensieren. Die Akamus nicht.
Deren Aufgabe bestand eher darin, im kaltschnäuzigen Berlin, wo man gestartet war, musikalisch heimisch zu werden. Im Konzerthaus am Gendarmenmarkt, wo man bis heute eine eigene Konzertreihe unterhält, genießt man nicht mehr als Gastrecht. Im Radialsystem am Ostbahnhof, in dem man zunächst fest im Boot zu sein schien, muss man in Wirklichkeit Miete zahlen. Nicht mal über feste Probenräume verfügt die Akamus. Man vagabundiert zwischen diversen Lokalitäten hin und her. Hat allerdings die eigene Individualität trotzdem behalten.
Sogar aus der Pandemie-Krise ist man vergleichsweise gut herausgekommen. Wie bei allen Freelance-Orchestern: Die Apparate überleben, eine andere Frage ist, wie die einzelnen Musiker sich durch die Talsohle retten. „Wir haben die Zeit benutzt, um sechs neue Alben aufzunehmen“ – wofür teilweise Fördergelder akquiriert wurden. Dazu zählt eine Neuaufnahme von Georg Philipp Telemanns Oper „Pimpinone“ (das Werk begleitet man live aktuell an der Oper Magdeburg). Ebenso Telemanns Violakonzerte mit dem großartigen Antoine Tamestit. Auch Bachs Brandenburgische Konzerte hat man (im Verein mit Isabelle Faust und Tamestit) einer Neubetrachtung unterzogen.
Frivole Assoziationen könnten einem dennoch kommen beim „runden Vierziger“. Die DDR etwa überlebte ein entsprechendes Jubiläum nur kurz. „Für Ensembles wie uns besteht mehr das Problem, nicht zurückzuschauen, sondern sich neu zu beflügeln, zu erfrischen und neu zu erfinden.“ Vielleicht haftet dem 40. Jubiläum, wie vielen solchen Feiertagen, sogar ein Aspekt der Erfindung oder Erdichtung an. Das genaue Gründungsdatum der Akamus jedenfalls kann schon deswegen nicht gefeiert werden, als es dem Ensemble nicht mehr bekannt ist. „Wie auch anders?“, so Bernhard Forck. „Wir hatten doch keine Ahnung, dass es uns überhaupt so lang geben würde.“ Wie jeder gute Gründungsmythos, so entstand auch dieser nachträglich. Da sagen wir: Prost! Prost! Prösterchen! Ad multos annos.

Bereits erschienen:

Telemann

Concerti für Viola und Orchester

mit Tamestit, Akademie für Alte Musik Berlin

hm

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Erscheinen am 13. Mai:

„The Bach Dynasty“

Akademie für Alte Musik Berlin

hm (11 CDs)

Johann Sebastian Bach

h-Moll-Messe

Johannsen, Chappuis, Rasker, Kohlhepp, Immler, RIAS Kammerchor, Akademie für Alte Musik Berlin, Jacobs

hm (2 CDs)

Rückblick in Tönen

Erster Meilenstein der Akamus-Diskografie: Bach-Motetten (1997 unter René Jacobs, erschienen bei harmonia mundi France). Vorangegangen waren 1991 Händel-Arien mit dem ersten, genuinen Opern-Countertenor Jochen Kowalski (Capriccio/Naxos) sowie 1999 mit Andreas Scholl (hmF). 2001 begleitete man Cecilia Bartoli bei einem legendären Gluck-Album (Decca/Universal). An der Berliner Staatsoper entstanden Reinhard Keisers grandioser „Croesus“ (2000) und Alessandro Scarlattis „Griselda“ (2003), beides unter René Jacobs. Großartig besetzt ist Händels „Solomon“ (2007). Eine Referenzaufnahme bleibt „Die Zauberflöte“ (mit Marlis Petersen), erneut unter Leitung von René Jacobs.

Robert Fraunholzer, 09.04.2022, RONDO Ausgabe 2 / 2022



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