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N° 1266
13. - 19.08.2022

nächste Aktualisierung
am 20.08.2022



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Sämtliche Ausdrucksmöglichkeiten der Neuen Musik: Die Grazer Komponistin Olga Neuwirth erhält den Ernst-von-Siemens-Musikpreis © Rui Camilo/ EvS Musikstiftung

Pasticcio

Preissegen und Geldregen

Der 25. September 1984 war ein für die jüngere Musikgeschichte bedeutendes Datum. An jenem Tag wurde in Venedig, in der Kirche San Lorenzo Luigi Nonos Anti-Oper „Prometeo“ uraufgeführt. Stararchitekt Renzo Piano hatte den Bühnenraum gestaltet. Am Pult stand Claudio Abbado und navigierte alle akustischen und elektronischen Klänge, die sich kreuz und quer durch den jahrhundertealten Kirchenraum bewegten und damit die Musik in ein 3D-Surround-Erlebnis verwandelten. Ob es aber nun am Premierenabend war oder bei einer der nachfolgenden Aufführungen – unter den Zuhörern, die quasi inmitten dieses Klanguniversums saßen, befand sich auch eine 16 Jahre junge Grazerin namens Olga Neuwirth. Die Aufführung des „Prometeo“ war für sie, wie sie einmal erzählt hat, ein „wahrer Glücksfall“. Nicht nur wollte der Teenager danach endgültig die Laufbahn als Komponistin einschlagen. Luigi Nonos hochkomplexe, hochpoetische und immer auch politisch unterfütterten Klangräume sollten prägend für ihre Werke werden.
Heute gehört Olga Neuwirth zu jener Handvoll von Komponistinnen, die sich in der ansonsten männlich dominierten Neuen Musik-Szene einen Spitzenplatz gesichert hat. Wobei sie mit ihren Kompositionen nahezu jede Ausdrucksmöglichkeit anzapft, um immer auch mit Traditionen zu brechen. Vom klassischen Orchesterstück über Performances und Installationen bis hin zu multimedialen Kompositionen, bei denen sie schon mal per Zeichentrickfilm den Kater Jerry Liszts „Ungarische Rhapsodie Nr. 2“ in den Flügel hämmern lässt, reicht ihr beachtlicher Werkkatalog. Und wenn sie nicht gerade für die Wiener Philharmoniker oder namhafte Solisten wie Trompeter Håkan Hardenberger schreibt, widmet sie sich – in enger Zusammenarbeit auch mit Elfriede Jelinek als Librettistin – der Gattung Oper und verhandelt dabei nicht selten das Spiel mit Geschlechter-Rollen. So dreht sich ihre jüngste Oper „Orlando“, die 2019 an der Wiener Staatsoper uraufgeführt wurde, um einen Diener, der sein Geschlecht wechselt.
Für dieses Werk wird Olga Neuwirth nun im April im amerikanischen Louisville mit dem „Grawemeyer Award“, Kategorie Oper ausgezeichnet, der mit knapp 90.000 Euro dotiert ist. Doch damit nicht genug! Denn gerade wurde bekannt gegeben, dass Neuwirth ebenfalls den mit 250.000 Euro dotierten Ernst-von-Siemens-Preis erhalten wird. „Von der Literatur, der bildenden Kunst und dem Film bis hin zur Popmusik hat sie immer wieder Impulse, Stoffe und Techniken anderer Kunstformen für die Neue Musik fruchtbar gemacht“, so die Begründung der Jury. Anfang Juni findet im Münchener Prinzregententheater die Preisverleihung statt. Die Laudatio hält die Wiener Schriftstellerin Raphaela Edelbauer. Den musikalischen Rahmen gestaltet das Pariser Ensemble intercontemporain unter seinem Chef Matthias Pintscher.

Guido Fischer



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