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N° 1260
02. - 08.07.2022

nächste Aktualisierung
am 09.07.2022



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Sachwalter des filmkompositorischen Erbes: Frank Strobel (l) mit Sängerin Sabine Fueß und Alfred Schnittke (r) (c) Thomas Hübscher

Frank Strobel

Vertrauensverhältnis

Nie nur Nebenwerke: Seit 25 Jahren betreut der Komponist und Dirigent die Filmmusiken von Alfred Schnittke. Jetzt erscheint die fünfte CD der Reihe.

„Ich bin sehr gut bekannt, ja befreundet gewesen mit Alfred Schnittke“, erzählt Frank Strobel. „Das begann in den frühen Neunzigern, ich hatte ihn schon früher in München erlebt, bei der Uraufführung des Cellokonzerts. Konkret ergab es sich dann durch ein Projekt mit dem Titel ‚Das Ende von Sankt Petersburg‘, ein Stummfilm von Wsewolod Pudowkin, den wir 1992 zum 95. Jubiläum der Oktoberrevolution mit dem ZDF, dem Ensemble Modern, dem Hessischen Rundfunk und der Alten Oper Frankfurt wiederaufgeführt haben. Zu diesem Film gab es keine Musik mehr und wir wollten einen Komponisten einbinden der Zeitzeuge der zerfallenden Sowjetunion war. So kamen wir schnell auf Schnittke, der populär war und sehr viel Filmerfahrung hatte, aber noch nie einen Stummfilm vertont. Film und Musik wurden dann damals im ZDF live Sonntagabend in der Primetime gesendet, das wäre heute undenkbar.“
Während der Komposition bekam Alfred Schnittke leider neuerlich einen Hirnschlag und so assistierte ihm Frank Strobel und beendete die halbfertige Komposition aus den Noten und Skizzen – in Abstimmung mit ihm. „In dieser besonderen Situation fasste er so eine Art von Grundvertrauen zu mir, das bis zu seinem Tod anhielt. Seither fühle ich mich seinem Erbe verpflichtet.“ Und Schnittke, der lange nicht mehr für den Film komponiert hatte, beauftragte wiederum Frank Strobel damit, seine Hinterlassenschaft in diesem Genre – keine kleine, da die in der UdSSR hochangesehene Filmmusik ihm lange das Überleben gesichert hatte – zu ordnen und Aufführungsmaterial für den Konzertsaalgebrauch in Form von Suiten zu erstellen. Auch aktuelle Filmmusik wie zu „Meister und Margarita“ entstand damals neu, Strobel spielte sie in Moskau ein.

Komponiert zum Broterwerb

Eine Arbeit, die den gesuchten Experten und Dirigenten Strobel bis heute in Intervallen immer wieder beschäftigt. „Aber das ist es wert, denn die Filmmusik von Alfred, der ja wie Schostakowitsch sich in allen Genres bewegt hat, ist sehr vielfältig und bunt. Sie war für ihn wichtiger Broterwerb, aber sie war auch eine Grundlage seines Schaffens, einen Stil zu kreieren. Das begann ja schon in den frühen Sechzigerjahren. Sie sei sein Labor, das hat er immer wieder gesagt, um Klangfarben und Techniken zu finden. Bis in die frühen Achtziger, als er nach Deutschland übersiedelte, entstanden 60 Werke mit oft über einer Stunde Musik, das ist etwa ein Drittel seines Œuvres.“
Strobel findet dieses Drittel absolut autonom, aber er hat die kleinteiligen Partituren gern benutzt, um auch Inspirationen für seine Konzertwerke daraus zu ziehen. „Die Kommissarin“, seine bekannteste Partitur, das sei wie eine Sinfonie, thematisch verarbeitet und durchstrukturiert. Den Stimmungen der Filmbilder zuzuarbeiten, das fand er abwechslungsreich und produktiv. Viele der Regisseure waren seine Freunde und künstlerischen Partner. Er war von Anfang an in die Filme eingebunden.
Lange schon wird also sowohl vom Verlag Sikorski, wie auch von Deutschlandradio mit Stefan Lang als Musikredakteur, mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin dieses Projekt der Filmmusik-Suiten vorangetrieben, aber es dauert. Denn nicht alle Noten sind verfügbar, die Moskauer Archive rücken nur spärlich Material hinaus. So geht es nur peu à peu weiter. 20 Filmmusiken sind verfügbar, 40 leider immer noch verschlossen im Archiv des Kinematografischen Orchesters, die sie damals aufgenommen haben. Die erste CD entstand schon zu Schnittkes Lebenszeit, besonders populär wurde die Suite zu „Agonie“ mit dem berühmten Tango. „Alfred sagte immer, das sei sein Testament“, erläutert Frank Strobel.
Seit 25 Jahren streckt sich dieses Projekt also schon. Schnittkes Witwe Irina ist immer noch dabei, Noten herauszubekommen. Gerade ist die inzwischen fünfte CD erschienen. „Am Anfang war das bei Marco Polo/Naxos, seit der zweiten sind wir bei Capriccio. Und wir arbeiten gerade schon wieder an einem neuen, aufwändigen Werk, das vermutlich eine CD beansprucht. Wie es dann weitergeht, wissen wir aber noch nicht. Wir sind auf die Russen angewiesen, und arbeiten seit einem Vierteljahrhundert dann doch recht frohgemut auf diese Weise.“
Filmmusik hat also Konjunktur. Und Frank Strobel ist erstaunt, dass manche Schnittke-Titel auf den Streamingdiensten über eine halbe Million Mal angeklickt werden. Noch nicht zufrieden ist er hingegen mit der Nachfrage im Musikbetrieb, das könnte besser sein. „Wir müssen einfach noch die Dirigenten mehr ins Boot holen. Wer diese Stücke liebt, sind die Choreografen, denn im Tanztheater und Ballett haben die Konzertsuiten - im Gegensatz zum Konzertbetrieb - Hochkonjunktur.“

Neu erschienen:

Alfred Schnittke

Filmmusik, Vol. 5

mit Strobel, Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin

Capriccio/Naxos

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Ein Meister seines Faches

Auch die fünfte CD-Folge mit Filmmusik von Alfred Schnittke bringt fast alles auf den Punkt, was den Kompositionsstil dieses bedeutenden russischen Komponisten auszeichnet. Als selbsternannter Polystylist erfand er sich immer wieder neu und passte sich so aufgeweckt wie könnerisch der Stimmung des jeweiligen Films an. Hier nachzuhören in der Musik aus „Tagessterne“ (1966), „Der Favorit“ (1985) und „Vater Sergius“ (1978), so liebevoll wie klangreich hinreißend aufgenommen von Frank Strobel und dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin.

Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 1 / 2022, Online



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