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N° 1266
13. - 19.08.2022

nächste Aktualisierung
am 20.08.2022



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(c) Mathias Müller

Christoph Dangel 

Ein Jahr Musik­geschichte(n)

Zeitreisen faszinieren – umso mehr, wenn sie so voller Entdeckungen sind wie der historische Streifzug des Cellisten ins Jahr 1824.

Warum ausgerechnet 1824? „Natürlich hätte es auch ein anderes Jahr sein können“, schmunzelt Christoph Dangel – und lässt den Journalisten irritiert aufblicken: Das neue Album des Cellisten ein Zufallsprodukt? Am Ende natürlich nicht – und doch spielt der gebürtige Würzburger nur zu gern mit den Imponderabilien jenseits des dramaturgischen Mainstreams: Ob nun die Klangsuche nach möglichen (doch nie geschriebenen) Cellosonaten Mozarts oder die Erkundung des Notenschranks von Graf Rudolf Franz Erwein von Schönborn, seine musikalischen Improvisationen zu einer Lesung von Hesses „Der Weltverbesserer“ oder eben nun sein üppig aufgemachtes Album mit der ominösen Zahl „1824“ – der 47-Jährige schätzt es, seinem Publikum einen Spiegel vorzuhalten und bislang unentdeckte (Werks-)Schubladen zu (er)öffnen.
Insofern ist der Blick zwei Jahrhunderte zurück natürlich auch alles andere als Zufall, Dangels vermeintliches Spiel mit der Jahreswahl pure Koketterie: Schon lange hatte er Schuberts berühmte Arpeggione-Sonate aus dem Jahr 1824 aufnehmen wollen – herausgekommen ist nun eine ebenso eigenwillige wie klug durchdachte Annäherung an das Werk und seine Entstehungszeit. Denn der Solo-Cellist des Kammerorchester Basels und des Balthasar Neumann Ensembles hat mit Hummels Sonate op. 104, Rossinis Duett für Cello und Kontrabass sowie Rombergs e-moll-Trio nicht allein drei eher selten zu hörende Werke mit Cello-untypischen Begleitinstrumenten wie der Gitarre aus eben diesem Uraufführungsjahr eingespielt, sondern nähert sich dieser Zeit im Booklet mit einem ebenso überraschenden wie fesselnden Fokus: Basierend auf Auszügen, Zitaten und Bildern aus damaligen Briefen, Zeitungen, Erinnerungen und Kunstwerken leben jene zwölf Monate neu auf in alltäglichen wie kuriosen Geschichten, historischen Ereignissen und persönlichen Stimmungen.
„Mir geht es um die Zeitgeschichte und die Einordnung der Werke und Komponisten in das damalige Leben“, skizziert Dangel seine Idee, für die Dramaturg Johannes Bosch in die Archive gestiegen ist. Das Ergebnis: Ein 74-seitiges Booklet, das schon haptisch Glücksgefühle vermittelt, optisch reizvoll alte Zeichnungen, Grafiken und Gemälde mit Aufnahmen der benutzten historischen Instrumente verbindet und textlich-erzählerisch nicht allein den Komponisten-Alltag des Jahres 1824 neu aufleben lässt. „‚Zählen’s mal zehn Taktel z’ruck‘, ruft Kapellmeister Hummel während einer Opernprobe im Orchester. (…) Weil er höllische Angst hat, sich zu erkälten, probt er gerne ganz uneitel mit seiner schwarzseidenen Nachtmütze.“ Oder wenn Dangel Staunenswertes zu berichten weiß wie von Rossinis Vertrag mit der französischen Regierung, die dem Superstar für vier Opern 40.000 Franc bezahlte – eine fünfköpfige Landarbeiterfamilie verdiente 450 Franc im Jahr.
Dangels eigene Cello-Anekdote dünkt da schon fast wie eine Mär: Sein Instrument stammt nämlich aus der berühmten Wiener Geigenbauer-Familie Stoß, die in der Grünangergasse 838 ihre Werkstatt hatte – just in jenem mehrstöckigen Bürgerhaus, in dessen Erdgeschoss sich das Gasthaus „Zum grünen Anker“ fand, wo Schubert damals fast täglich mit seinen Freunden leidenschaftlich über Musik, Literatur und Philosophie diskutierte. Manchmal ist das Leben wirklich voller Zufälle…

Neu erschienen:

Rossini, Hummel, Romberg, Schubert

„1824“, Kammermusik für Cello und Gitarre

mit Dangel, Biesemans, Polin, Preyer, Schmidt

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Christoph Forsthoff, 12.02.2022, RONDO Ausgabe 1 / 2022



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