home

N° 1259
25.06. - 01.07.2022

nächste Aktualisierung
am 02.07.2022



Startseite · Künstler · Gefragt

(c) Gregor Hohenberg / Sony Music Entertainment

Leonidas Kavakos

Im Fluss mit Bach

Mit Bachs Solo-Partiten und -Sonaten bestätigt der Violinist seinen Aufstieg unter die Top Five der besten Geiger der Gegenwart.

Kavákos!, nicht Kavakós. Auf der zweiten Silbe betonen, wenn möglich (nicht am Schluss). Unter uns Griechenland-Afficionadas (und Afficionados) mag das unwichtig sein. Doch wollen wir höflich bleiben. So wie der griechische Geigen-Star selber. Auf privaten Fotos lächelt er fast immer – auf einem Alben-Cover so gut wie nie. „Ich weiß auch nicht“, wundert er sich. „Ich lächle auch für professionelle Fotografen. Aber am Ende werden immer die ernsten Fotos ausgewählt“, erzählt er. Sein aktuelles Bach-Album zeigt ihn erneut mit einem sehr zurückhaltenden Gesichtsausdruck... in ‚Halbtrauer‘ (noch dazu im Profil mit verwuschelten Haaren). Hat die Klassik derart Sorge, als Hort von Hallodris und Dauergrinsern verschrien zu werden?!
Grund zum Lächeln hätte er. In den letzten Jahren schloss Kavakos zur absoluten Weltspitze der fünf, sechs besten Geiger überhaupt auf. Das hat auf ihn selbst zurückgewirkt (wie dies meist bei Künstlern zu beobachten ist, die vom Erfolg bestürzend rasch überfallen werden). Während der mittlerweile 54-Jährige früher auf der Bühne in sich gekehrt wirkte und nur wenig mit dem Publikum kommunizierte, kommt man jetzt, im Gespräch, streckenweise kaum noch zu Wort. Kavakos sprudelt über, er redet wie ein Wasserfall. In Bezug auf Bach hat sich allerdings auch einiges bei ihm aufgestaut.
„Mitte der 90er Jahre hatte ich völlig aufgehört Bach zu spielen“, gesteht er. „Aufgewachsen war ich mit traditionellen Bach-Aufnahmen von Henryk Szeryng, Arthur Grumiaux und Nathan Milstein. Ich bekam das Gefühl, dass man dort sehr stark vom Gesang ausging – aber nur von den Vokalen, nie von den Konsonanten.“ Kavakos fühlte sich in einer Sackgasse der Bach-Pflege gefangen, das änderte sich erst viele Jahre später. Als er eine Einspielung der Bach-Sonaten und -Partiten von Sigiswald Kuijken in die Finger bekam, war es so weit. „Ich war schockiert – und dachte: So kann es gehen.“ Polyfon, aber nicht so exzentrisch. Er begann von Neuem – aber auf Stahlsaiten und mit kürzerem, halb modernem Bogen. Das hat viele Jahre gebraucht. Jetzt liegt das Ergebnis vor.

Komplexe Monologe, leichter Swing

Sein Bach besticht nunmehr durch gewandelte, ‚kurvenreichere‘ Kantabilität. Sehr fluide, sehr süffig und dabei die Ecken und Kanten Bachs in ein modernes Spiel transformierend. Was der Mann kann, hört man sofort. „Alles bewegt sich“, sagt er selbst über dies heraklitisch fließende, darin untrüglich griechische Bach-Bild. „Niemand kann zweimal in denselben Fluss steigen“, so meinte der griechische Vorsokratiker Heraklit. „Alles fließt und nichts bleibt.“ Dies Grund-Credo der abendländischen Metaphysik auf Bach zu beziehen, darauf war vor Kavakos tatsächlich noch niemand verfallen. Panta rhei auf Spätbarock.
Der schöne Lyrismus, der dabei zutage tritt, verbindet ihn sogar wieder mit der traditionellen Linie, die er selbst – in puncto Bach – für indiskutabel hält. „Heute lehne ich total ab, wie Milstein und die anderen früher Bach gespielt haben.“ In den langsamen Sätzen müsse ein leichter Swing aufkommen, das kriege man auf spätromantische Art niemals hin. „Alles sollte einem Experiment gleichen, nicht aber der bloßen Realisierung eines feststehenden Meisterwerks.“ Dies sei überhaupt sein Lebensmotto geworden. ‚Versuch es, und im Anschluss daran versuch es gleich noch einmal!‘.
Der Titel des Albums „Sei Solo“ geht übrigens auf eine wirkliche, enigmatische Anweisung Bachs in den Noten zurück. „Sei solo“ beziehe sich auf die sechs Solowerke, die diese Sonaten und Partiten sind. Und ebenso auf die Aufforderung, es allein zu tun. „Dass man so einsam auf der Bühne steht bei diesen Werken, macht die Sache einfacher und komplizierter zugleich“, meint er. „Ich muss mir um Mitspieler keine Sorgen machen, habe stattdessen aber ziemliche Monologe vor mir.“ Die Werke seien tatsächlich schwer, insbesondere die Sonaten. Im Konzert wolle er sie auf zwei Abende verteilen. „Man bestellt ja in einem guten Restaurant auch nicht die ganze Speisekarte, nur weil man sich für mehrere Gerichte interessiert.“
Der Rang dieses Musikers bestätigt sich auch auf einem zweiten Album, das parallel erschienen ist: mit zwei Beethoven-Bearbeitungen für Klavier-Trio. Im Verein mit Yo-Yo Ma und Emanuel Ax ersetzt Kavakos da immerhin den legendären Itzhak Perlman – der diesmal vielleicht keine Lust hatte. Ungewöhnlicherweise geht es um zwei Beethoven-Sinfonien, die für Trio bearbeitet wurden. Für die 2. Sinfonie übernahm dies – noch unter den wachenden Augen des Komponisten – der Beethoven-Zeitgenosse Ferdinand Ries. Da wird’s wirkliche Kammer­musik, man erkennt das Werk kaum wieder.
Bei Beethovens Fünfter dagegen verhält sich die Sache anders. „Der Bearbeiter der Fünften, Komponist Colin Matthews, hatte längst ein modernes Orchester im Ohr.“ Das ändert das Gesamtbild völlig. Man wolle jetzt möglichst alle Sinfonien Beethovens in dieser Besetzung spielen, so Kavakos. „Ich bin immer zwar tot danach, besonders nach der Fünften. Und ich habe noch niemals so viele Tremoli spielen müssen wie da!“ Die Begeisterung aber sei groß gewesen – und das teilt sich dem Hörer ohne weiteres mit. Die (zu) oft gehörten Werke klingen völlig neu.
Wofür sich niemand wirklich interessieren muss, das sind die vielen aufführungspraktischen Details, die für Kavakos selber ein großes Thema sind. Sie sorgen in den Aufnahmen aber für einen eleganten Furor, eine schlackenlose, teilweise neue Eleganz, wie man sie jedenfalls bei Bach so noch nie hörte. Neben Lisa Batiashvili und Janine Jansen gehört Kavakos nunmehr zu den ganz großen Vertretern einer Geigenwelt jenseits von Anne-Sophie Mutter. Dieser Bach ist kein Bächlein. Führt aber auch nicht das übliche Geröll, nicht Schutt und Asche mit sich. Er fließt. Wir fließen mit.

Neu erschienen:

Bach

„Sei Solo“, Sonaten und Partiten für Violine solo BWV 1001-1006

mit Kavakos

Als JPC- und Amazon-Partner verdienen wir an qualifizierten Verkäufen.

Externer Inhalt - Spotify

An dieser Stelle finden Sie Inhalte eines Drittanbieters, die Sie mit einem Klick anzeigen lassen können.

Mit dem Laden des Audioplayers können personenbezogene Daten an den Dienst Spotify übermittelt werden. Mehr Informationen finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Beethoven

„Beethoven for Three“, Sinfonien Nr. 2 & 5, arr. für Klaviertrio

mit Ma, Ax, Kavakos

Sony

Als JPC- und Amazon-Partner verdienen wir an qualifizierten Verkäufen.

Externer Inhalt - Spotify

An dieser Stelle finden Sie Inhalte eines Drittanbieters, die Sie mit einem Klick anzeigen lassen können.

Mit dem Laden des Audioplayers können personenbezogene Daten an den Dienst Spotify übermittelt werden. Mehr Informationen finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 1 / 2022



Kommentare

Kommentar posten

Medardus
Stahlsaiten? Wohl eher Darmsaiten…und „sei solo“ ist keine Aufforderung, alleine zu spielen, sondern heißt übersetzt „Du bist alleine“. Seltsam, dass nicht nur in dieser „Rezension“nicht erwähnt wird, dass Kavakos in 415 Hz-Stimmung spielt. Und wo gibt es eigentlich das Ranking der fünf besten Geiger einzusehen? Und auf welchen Turnieren erspielen sich die Konkurrenten die dafür benötigten Punkte?


Das könnte Sie auch interessieren

Musikstadt

Ideologien und Ideen

Schloss Elmau

Immer noch ein Märchenschloss der Klassik, des Jazz und der Literatur: Elmau ist Luxushotel und […]
zum Artikel

Pasticcio

Alte Musik-Doyen

Meldungen und Meinungen der Musikwelt

Der in Wien geborene Musiker und Komponist René Clemencic hätte auch einen ganz anderen Weg […]
zum Artikel


CD zum Sonntag

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Externer Inhalt - Spotify

An dieser Stelle finden Sie Inhalte eines Drittanbieters, die Sie mit einem Klick anzeigen lassen können.

Mit dem Laden des Audioplayers können personenbezogene Daten an den Dienst Spotify übermittelt werden. Mehr Informationen finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Eva Jagun stammt aus einer Kölner Musikerfamilie und lernte zunächst Geige, Flöte, Gitarre und Klavier. Ihre ersten Erfahrungen sammelte sie in diversen Chören und Bands, später studierte sie in Hamburg Musik, seit einigen Jahren lebt sie in Berlin.
Dort arbeitet sie als Sängerin wie auch als Geigerin im Studio und auf der Bühne mit einer Vielzahl von Künstlern zusammen, unter anderen mit Nina Hagen oder Dieter Hallervorden. Wichtige Impulse erhielt sie vom kanadischen Jazzbassisten […] mehr


Abo

Top