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N° 1259
25.06. - 01.07.2022

nächste Aktualisierung
am 02.07.2022



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(c) Andrej Grilc / Sony

Ivo Pogorelich

„Ich muss nichts verändern“

Auf seinem neuen Album widmet sich der kroatische Pianist nach über 20 Jahren wieder der Musik Chopins.

Sein Selbstbewusstsein hat auch über all die Jahre (oder waren es am Ende ein, gar zwei Jahrzehnte?), in denen Ivo Pogorelich aus dem medialen Rampenlicht verschwunden war, nicht gelitten. „Natürlich kann sich jeder zuhause die Noten einer Beethoven-Sonate vornehmen, doch um diese dann auch aufzuführen, braucht es Menschen, die aus diesen Noten einen ganz eigenen, persönlichen Beitrag gestalten können: basierend auf ihrem Wissen, auf Ausbildung, Erfahrung und Talent – das sollte man nie vergessen.“ Tastenkünstler wie ihn eben, der 1980 beim bekanntesten aller Chopin-Wettbewerbe in Warschau schlagartig ins Zentrum weltweiter Aufmerksamkeit katapultiert wurde, als Martha Argerich empört aus der Jury austrat, weil die Kollegen ihrem Favoriten die Endrunden-Teilnahme verweigerten: „Dieser Mann ist ein Genie!“ Und hernach die Schlagzeilen der Feuilletons wie der Frauenzeitschriften beherrschte, irgendwo zwischen Narziss und Goldfinger, Dandy mit wehendem Seidenschal und Seidenschuhen und jungem Wilden, der Karajan eine „künstlerische Ruine“ nannte und wegen unterschiedlicher Interpretations-Vorstellungen eine Plattenaufnahme mit der Dirigenten-Legende platzen ließ.

Meister der Inszenierung

Tempi passati. Heute ist das wallende Haar Vergangenheit und nicht nur das einstige Dorian Gray-hafte Antlitz fülliger geworden – und überhaupt mag der einstige „Beckham des Pianos“ (Der Spiegel) nichts mehr von den Manierismen der Vergangenheit hören. „Künstlerisch-musikalisch gab es nie etwas, das mich als Popstar charakterisiert hätte: Das war nur das Bild von mir, das durch die Fotos auf den Titelseiten zahlreicher Magazine und deren Geschichten über mich entstanden ist.“ Also besser nichts von einst kolportierten Vorlieben wie Champagner auf Eis im Rotweinglas, Rolls-Royce mit Chauffeur und Fünf-Sterne-Hotels für Konzertauftritte erzählen, sondern sich lieber auf den Klangmaler und Virtuosen konzentrieren. Und die überraschende Selbsteinschätzung vernehmen: „Es gibt keinen Unterschied zwischen dem Ivo Pogorelich von heute und dem des Jahres 1980.“ Was natürlich nicht heißt, dass der gebürtige Kroate, der inzwischen in einer Villa mit Blick auf den Luganer See in der steuerfreundlichen Schweiz lebt, sich künstlerisch wie pianistisch nicht fortentwickelt hätte: „Ich verfüge heute über ein noch weit größeres Arsenal an Fähigkeiten und besseres Verständnis der Natur des Klaviers, über weit mehr Gestaltungsformen des Anschlags sowie Verständnis für die Verbindungen zwischen den Akkorden und harmonischen Strukturen eines Werks.“
Selbiges zu beweisen ist in konzert­armen Corona-Zeiten naturgemäß eher schwierig – und so kommt vermutlich auch ihm seine jüngste Einspielung gerade recht, obendrein allein mit Werken jenes Komponisten, der ihm seinerzeit den kometenhaften Aufstieg in den Tasten-Olymp bescherte. „Die Stücke gehören zu den Spätwerken Chopins – samt eines Nocturnes, das erst nach seinem Tode veröffentlicht worden ist“, erläutert der 63-Jährige seine Auswahl. „Einige dieser Werke habe ich das erste Mal in sehr jungen Jahren gespielt – auch gegen den Rat meines damaligen Lehrers: Ich war 15, als ich die Sonate Nr. 3 unbedingt lernen wollte, denn ich war fasziniert von diesem ebenso rätselhaften wie bedeutsamen Werk – und mein Lehrer war strikt dagegen.“ Seither hat der Pianist das Werk auf zahlreichen Recitals gespielt, aber den monumentalen Viersätzer auch einmal zehn Jahre lang ruhen lassen – „nun schien mir der Zeitpunkt gekommen, mein persönliches Verständnis dieses Stücks auf einer Aufnahme zu dokumentieren“.
Und wird damit zweifellos Fans wie Kritiker einmal mehr aufjauchzen oder -stöhnen lassen: Schließlich haben die Stränge wie auch die Strenge des gedruckten Notentextes einen Pogorelich noch nie interessiert, Tempi und dynamische Angaben waren für ihn allenfalls Vorschläge, denen er mal zusätzlichen Drive, mal effektvolle Verzögerungen verpasst hat. Auch wenn der Interpret selbst dies naturgemäß anders sieht: „Ich sage Ihnen: Ich muss nichts verändern – ich versuche den Vorstellungen des Komponisten bis ins kleinste Detail zu folgen.“ Vorstellungen, die indes diesem „Konzert ohne Orchester“, wie Chopin selbst sein Opus 58 nannte, in Live-Mitschnitten des in sich versunkenen Dandys aus den 80er-Jahren eben mal einige Spiel-(und Grübel-)Minuten mehr bescheren – um im Finale das Tempo nochmal anzuziehen…
Aber wer weiß als schnöder Kritiker und schlichter Hörer schon, wie der Komponist seinerzeit getickt hat? Da ist ein studierter Musiker naturgemäß viel näher dran: „Ich hatte das Glück, dass ich – rückblickend aus pianistischer Sicht betrachtet – lediglich vier Generationen nach Liszt groß geworden bin und gerade einmal sechs Generationen nach Beethoven und insofern noch in der Tradition dieser klassischen und anspruchsvollen Klavierschule meine Ausbildung erfahren habe.“ Damals, im Moskau der 70er-Jahre, als der junge Ivo die fast 15 Jahre ältere Pianistin Alisa Keseradse traf, die erst seine Lehrerin und später seine Frau wurde: „Wenn ich als Student durch das Konservatorium ging, ­begegnete ich Leuten wie Schostakowitsch, ­Chatschaturjan, Schnittke oder Schtschedrin: Menschen, die ihren Platz in der Musikgeschichte haben – und mit denen lernte ich im selben Gebäude!“, erinnert sich Pogorelich. „Und ging ich in ein Konzert, dann konnte ich Mstislaw Rostropowitsch hören, der mit seiner Frau Schostakowitschs ‚Sieben Romanzen‘ aufführte und Gidon Kremer spielte erstmals Schnittke: Ich lebte also in einer Stadt, die Weltklasse-Musik hervorbrachte.“ Und vielleicht konnte dort auch nur solch ein ganz eigener Chopin-Zugriff entstehen, der den Meister der Inszenierung jenseits aller Schnösel-Unkenrufe und Manierismen bis heute auszeichnet.

Neu erschienen:

Chopin

„Chopin“ (Klaviersonate Nr. 3, op. 58; Nocturnes Nr. 13 & 18; Fantasie op. 49)

Pogorelich

Sony

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Christoph Forsthoff, RONDO Ausgabe 1 / 2022



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Eva Jagun stammt aus einer Kölner Musikerfamilie und lernte zunächst Geige, Flöte, Gitarre und Klavier. Ihre ersten Erfahrungen sammelte sie in diversen Chören und Bands, später studierte sie in Hamburg Musik, seit einigen Jahren lebt sie in Berlin.
Dort arbeitet sie als Sängerin wie auch als Geigerin im Studio und auf der Bühne mit einer Vielzahl von Künstlern zusammen, unter anderen mit Nina Hagen oder Dieter Hallervorden. Wichtige Impulse erhielt sie vom kanadischen Jazzbassisten […] mehr


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