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N° 1236
15. - 21.01.2022

nächste Aktualisierung
am 22.01.2022



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Emmanuelle Haïm (c) Marianne Rosenstiehl

Zugabe

Namen, Nachrichten, Nettigkeiten: Neues von der Hinterbühne

Der norwegische Opernregisseur Stefan Herheim hat mit Wagner seine Mühe. „Ich gestehe: Ich quäle mich gnadenlos, je weiter ich fortschreite“, sagte er in Berlin im Hinblick auf seine Neuinszenierung des „Rings des Nibelungen“. Er fühle sich von Wagner „manipuliert“, da dieser das Bedürfnis gehabt habe, „das Publikum zu verblenden, es zu verwirren und zu ihm selbst zu bekehren“. Die Wahrheit, etwa in der „Götterdämmerung“, werde „gefälscht“, so Herheim. „Bei Verdi, zum Vergleich, gibt es immer noch die Frage nach Gott. Bei Wagner gibt es nur die demagogische Frage nach ihm selbst.“ Freilich: „Wenn man die Oper liebt, bleibt einem Wagner nicht erspart.“ Und außerdem: „Wer sagt denn, dass man sich wohlfühlen muss in der Kunst? Es hat gewiss was mit Masochismus zu tun. Aber was spricht gegen Masochismus? Nichts.“

Alte Musik-Dirigentin Emmanuelle Haïm, die erst spät vom Cembalo aufs Dirigieren umstieg, glaubt dies nicht früh genug getan zu haben. „Ich habe mit zehn Jahren erstmals einen Chor dirigiert. Doch ich war glücklich in den Ensembles, in denen ich mich am Cembalo austoben konnte“, sagte sie im Vorfeld ihrer Premiere von „Idoménée“ von André Campra in Berlin. „Erst Leute wie Simon Rattle und Louis Langrée haben mich ermutigt, mehr zu dirigieren. Plötzlich merkte ich, dass ich schon früher hätte umsatteln sollen.“ Derzeit feiert Haïm das 20-jährige Bestehen ihres Ensembles Le Concert d’Astrée.

Olivier Latry, Titurlarorganist an der Pariser Kathedrale Notre-Dame, lehnt es ab, zuhause auf einer Elektroorgel zu üben – so wie dies in Berlin zum Beispiel Cameron Carpenter tut. „Eine Orgel braucht Pfeifen“, so Latry. Diese Pfeifen, wenn sie in Tätigkeit versetzt würden, korrespondierten miteinander – und erzeugten Obertöne, die man durch keine elektronische Maschine ersetzen kann. Auf das Instrument von Notre-Dame könne er dagegen vorübergehend durchaus verzichten. Bei dem verheerenden Brand vor zweieinhalb Jahren sei nur in zwei Orgelpfeifen Wasser gelaufen. Das Instrument sei allerdings im Rahmen des Wiederaufbaus vollständig demontiert worden und kehre erst in ungefähr zwei Jahren an seine alte Stelle zurück. „Ich kann warten“, so Latry. „Es gibt auch anderswo schöne Orgeln.“

Dirigent und Oboist Hansjörg Schellenberger, auch er ein Umsteiger, konnte fürs Dirigieren wenig von seinem Chef Herbert von Karajan lernen. „Karajan war zwar ein sehr guter Schlagtechniker. Seine Wirkung aber bestand in etwas anderem: in Suggestivität.“ Die sei wenig nützlich gewesen. „Mehr profitiert habe ich von Lorin Maazel und von dem gerade verstorbenen Bernard Haitink, welcher Übergänge so gestalten konnte, dass es kaum einer merkte. Es wurde alles ganz leicht.“ Karajan zu fragen, ob er sein Assistent werden könnte, habe er sich seinerzeit nicht getraut. Schellenberger übernimmt mit den Berliner Symphonikern derzeit das achte und kleinste Sinfonieorchester der Hauptstadt. „Wir sind 30 Musikerinnen und Musiker.“ Jeder einzelne davon, nachdem das Orchester schon vor Jahren abgewickelt war, „spielt bei uns um sein Leben. Das hört man.“

Die im Oktober verstorbene Sopranistin Edita Gruberová wünschte sich für die Zukunft der Oper, „dass die Scharlatanerie hoffentlich endlich aufhört“. Das sagte sie in einem posthum veröffentlichten Interview in dem Magazin „Oper!“. „Es gibt so viele Gesangslehrer, die keine Ahnung haben“, so Gruberová. „Sie entlassen Leute auf die Bühne, die nicht gelernt haben, wie man singt.“ Dies bedeute den Untergang der Oper. „Denn das Publikum erkennt doch Qualität. Es herrscht zu viel Mittelmaß in der Oper und zu viel Dilettantismus.“ Die Sopranistin war zuhause infolge eines Sturzes (verursacht möglicherweise durch einen Schlaganfall) plötzlich zu Tode gekommen.

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 6 / 2021



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