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N° 1281
26.11. - 02.12.2022

nächste Aktualisierung
am 03.12.2022



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(c) Rolf Walther

Andreas Scholl

Bach unter Palmen

Der Countertenor verbindet mit dem Lautenisten Edin Karamazov überzeugend das barocke Leipzig mit dem heutigen Havanna.

Vom Bahnhof in Eltville geht es mit dem Auto entlang der Rheingauer Weinberge, die im Spätherbst goldgelb leuchten, ein paar Kilometer weiter nach Kiedrich. Dort wurde Andreas Scholl 1967 geboren und dort lebt er nach Studien- und Wanderjahren nun wieder. Mit Kiedrich verbinden ihn auch seine ersten musikalischen Erfahrungen: „Hier, in dieser Kirche habe ich jeden Sonntag im Hochamt gesungen mit den Kiedricher Chorbuben“, erzählt Scholl beim Vorbeifahren, „schon mit sieben Jahren habe ich dort angefangen als Sopran.“
Später im Stimmbruch hat Scholl ohne Pause weiter gesungen, allerdings unter der Aufsicht einer erfahrenen Stimmbildnerin, die über den Stimmbruch hinweg seine Kopfstimme weiter trainierte. „Als ich dann etwa 16 oder 17 Jahre alt war, sagte sie zu mir: „Mensch, das klingt doch mehr nach einem Countertenor?“ Die Eltern waren wohlwollend, beide musikalisch, „mein Vater wäre auch gern Sänger geworden“, der Vater konsultierte einen Profi-Sänger, den Tenor und Countertenor Herbert Klein vom Stuttgarter Kammerchor, der befand: „Das klingt wirklich gut, wenn der Bub nicht faul ist, kann er davon leben!“
Ende der 1980er Jahre kamen für ein Studium der Alten Musik eigentlich nur England oder die Schola Cantorum in Basel infrage, der Vater entschied: „England ist zu weit weg“, und so landete Scholl in Basel. „Ein Glücksfall“, wie er heute sagt, und studierte bei Richard Levitt und René Jacobs. Karrieren wurden damals langsam aufgebaut, zumal Countertenöre noch als Exoten galten und der heutige Hype um die hohe Männerstimme noch nicht vorstellbar war. „Ich habe lange Zeit wahnsinnig viel in kleinen, solistisch besetzten Ensembles gesungen! Dabei lernt man viel, ohne den Druck, gleich Solist zu sein. Erst nach drei bis vier Jahren intensiven Ensemblegesangs habe ich mit René Jacobs meine erste solistische Johannes-Passion gesungen. Und diese Übertragung hat William Christie im Radio gehört und mich gefragt, ob ich mit ihm Händels ‚Messiah‘ machen will. So fing es an.“
Andreas Scholls Karriere begann langsam, aber bereits in den frühen 1990er Jahren und verlief bis heute auf höchstem Niveau ohne Brüche oder gar Einbrüche. „Es hat damit zu tun, dass man eine gute Technik hat und in jungen Jahren gut beraten wird. Meinem Lehrer Richard Levitt konnte ich mich blind anvertrauen.“ Heute würden Karrieren früher auf die Spitze getrieben, sagt Scholl, „man muss sich eben fragen, will ich in kurzer Zeit meine Karriere maximieren, oder will ich mit 60 noch singen?“
Geistliche Musik spielt in seinem Repertoire eine gewichtige Rolle, aber auch auf der großen Opernbühne war und ist er äußerst erfolgreich, 1998 debütierte er in Glyndebourne mit Händels „Rodelinda“, er sang an der MET mit René Fleming und war 2005 der erste Countertenor-Solist bei der „Last Night of the Proms“ in London. Außerdem unterrichtete Scholl Gesang in Basel und seit 2019 am Salzburger Mozarteum.

Schlüssiger Brückenschlag

Und immer wieder kehrt er musikalisch zurück zur Urszene des begleiteten Gesangs: Stimme und Laute. Den Lautenisten Edin Karamazov kennt er bereits seit seinem Studium in Basel: „Ich hörte ihn in einem Konzert und dachte, das ist ja ein verrückter Vogel!? Seither haben wir unzählige Projekte und Auftritte zusammen gemacht, er ist mein Lieblings-Lautenist.“
Das jüngste Projekt ist ein Album mit dem Titel „Canciones“ und vereint Kompositionen des kubanischen zeitgenössischen Komponisten Leo Brouwer mit Werken von Johann Sebastian Bach und Gottfried Heinrich Stölzel. Das Konzept liest sich schräg, aber das Ergebnis ist verblüffend schlüssig, der Brückenschlag zwischen Leipzig und Havanna funktioniert. Was auch an der Besetzung liegen mag. „Laute und Stimme sind ja die intimste Paarung, die man sich vorstellen kann. Als Sänger kann man sich überhaupt nicht verstecken, man ist sozusagen nackt, es ist alles offenbar!“
Scholl hat lange Erfahrung mit dem gängigen Lautenliederrepertoire wie etwa den Schöpfungen von Dowland: „Das ist alles sehr poesiebasiert, man muss singend sprechen, man muss klare Ideen haben, sonst ist das Repertoire langweilig.“ Dieses „singende Sprechen“ bildet nun auch die überzeitliche, ewig gültige Verbindung zwischen zeitgenössischen Liedern aus Kuba, Leo Brouwers „Folk Songs“ und seinen „Canciones Amatorias“ auf Texte unter anderem von Federico García Lorca, und Bachs „Brunnquell aller Güter“ oder Stölzls „Bist Du bei mir“. Brouwers Kompositionen bedienen sich westlicher Tradition, folkloristischer Elemente und nicht selten wetterleuchten auch kreolische Klänge und Rhythmen in seinen „Canciones“.
Havanna und Leipzig, Volksliedtradition, Exotik und geistliche Gesänge kommen sich erstaunlich nahe in Scholls und Karamazovs Interpretationen, die vor Intensität und konzentrierter Versenkung zu vibrieren scheinen. Es ist offenbar ganz einfach die Arbeit an den gleichen Dingen, die Sachsen mit der Karibik verbindet: „Wir fragen uns immer: wie weit kann man gehen, wie weit kann man die Emotionen eines Liedes ausloten?“ Am Anfang sei ihm Brouwers musikalische Welt noch etwas fremd gewesen, gesteht Scholl. „Aber sobald man sich darauf einlässt, merkt man, wie toll das ist.“

Neu erschienen:



Brouwer, Bach, Stölzel

„Canciones“ (Arien und Lieder)

Scholl, Karamazov

Aparté/hm-Bertus

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Regine Müller, 11.12.2021, RONDO Ausgabe 6 / 2021



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