home

N° 1259
25.06. - 01.07.2022

nächste Aktualisierung
am 02.07.2022



Startseite · Künstler · Gefragt

(c) Christoph Köstlin

Elīna Garanča

Für eine Überraschung gut

Die Mezzosopranistin bringt ein Album mit Orchesterliedern ­heraus – und spricht im Interview über künftige Rollendebüts, die Corona-Krise und Vorzüge von Konzertabenden.

RONDO: Ihr neues Album „Live from Salzburg“ ist in zwei Festspiel-Sommern entstanden. 2020 haben Sie dort Wagners „Wesendonck“-Lieder gesungen, dieses Jahr Mahlers „Rückert“-Lieder – beide Male mit den Wiener Philharmonikern unter Christian Thielemann. Was mögen Sie so sehr an dieser Konstellation?
Elīna Garanča: (lacht.) Es ist nicht so, dass ich angerufen und gesagt hätte: „Ich habe jetzt Lust, das aufzunehmen.“ Ich wurde eingeladen, und dafür bin ich wahnsinnig dankbar. Christian Thielemann ist ein einzigartiger Wagner-Interpret; es ist aber auch etwas Besonderes, mit ihm in die Welt von Gustav Mahler einzutauchen – noch dazu mit den Wiener Philharmonikern, die bei Mahler ihre ganze Feinheit zur Geltung bringen. Wenn ich nur an das Nachspiel zu „Ich bin der Welt abhanden gekommen“ denke: Es ist unvergleichlich, wie weich dieser Klangkörper das spielt, ohne dabei auf eine billige Art süß zu klingen.

Spätromantische Lieder sind üppig instrumentiert. Hat man da als Solist manchmal Angst, der Orchesterklang könnte einen übertönen?
Wenn das geschieht, ist es meist nicht die Schuld des Sängers. Es hängt eher vom Dirigenten ab und davon, ob einen das Orchester „begraben“ will. Ich hatte davor aber nie Angst. Ich kann mit meiner Stimme einfach nur so viel machen, wie sie zulässt. Lauter geht eben nicht. Wenn der Sänger brüllen muss, kann das nicht die Lösung sein. Wir wollen als Liedinterpreten ja etwas erzählen und nicht nur laut sein.

Was bei der Zusammenarbeit mit Thielemann aber wohl kein Problem ist …
Richtig. Da ist klar, dass eine hohe Lautstärke nicht immer die überzeugendste Ausdrucksweise ist.

Das Große Festspielhaus in Salzburg war dieses Jahr prall gefüllt. Ein schönes Bild nach den Corona-Restriktionen?
Ein wunderschönes. Im Sommer 2020 waren die Emotionen aber noch viel stärker, weil man da endlich wieder persönlich vor einem Publikum singen konnte, nachdem monatelang keine Auftritte gestattet waren.

Wie hat Sie die Corona-Krise getroffen?
Natürlich hatte auch ich gewisse Schreckmomente. Man wusste ja nicht, wie es weitergeht. Aber ehrlich gesagt hat es mich nicht so negativ beeinflusst. Ich hatte endlich einmal Gelegenheit, über mich nachzudenken, und ich habe mir Zeit genommen, mit meinem Lehrer intensiv an neuem Repertoire zu arbeiten. Außerdem war ich endlich wieder für eine längere Zeit Mama.

Ging es bei den Gesangsstunden stark um die Kundry, die Sie dieses Frühjahr erstmals an der Wiener Staatsoper sangen?
Auf jeden Fall. Ich war dankbar, dass ich mich so ausführlich darauf vorbereiten konnte. Ohne diese zusätzliche Zeit wäre ich vielleicht früher oder später an eine Grenze gestoßen. Die Kundry ist ein Riesenpaket und ein großes Statement für eine Sängerin, die mit Wagner noch nicht viel zu tun hatte. Es war für mich notwendig, gewisse technische Dinge zu lernen. Sie kommen mir aber auch bei dramatischen italienischen Rollen zugute.

Vor Ihrem Wagner-Debüt sagten Sie in einem Interview: „Einmal Kundry, immer Kundry.“ Hatten Sie Sorge, Sie könnten künftig auf die Rolle festgenagelt werden?
Ein Sänger, der schon früh mit Wagner anfängt, wird schwerlich die Möglichkeit erhalten, ein anderes Repertoire zu bekommen. Der Wagner-Kosmos ist schon sehr besonders. Ich habe dagegen ein sehr breites Repertoire: französisches, italienisches Fach und Verismo. Ich denke, das rettet mich davor, zu viel Wagner zu singen. Ich muss ja auch meine Stimme schützen: Partien wie die Kundry sind sehr intensiv. Ich denke, es ist nicht meine Zukunft, nur Wagner-Sängerin zu sein; das italienische und französische Fach entsprechen meinem Charakter besser. Andererseits liegt es mir, die Leute immer wieder aufs Neue zu überraschen (lacht).

Sind weitere Wagner-Rollen also denkbar?
Ja, in den nächsten zweieinhalb Jahren werde ich die Venus singen. Gewisse Wagner-Partien haben aber noch Zeit. Und ich habe ja auch andere Rollen-Wünsche. Ich habe – aufgrund der Pandemie – noch immer nicht als Amneris in Verdis „Aida“ debütiert, das ist mein Mount Everest.

Das Debüt wurde mehrfach verschoben. Wann soll es stattfinden?
Im Jänner 2023 in Europa, das entsprechende Opernhaus wird es bekanntgeben. Seltsam, wie das Schicksal mit einem spielt. Ich habe immer gesagt: Wenn ich die Amneris gesungen habe, kann ich eigentlich aufhören, denn dann habe ich das absolute Maximum erreicht, das ich für mich vorgesehen habe. Und dann kam seltsamerweise die Riesenpartie der Kundry früher.

Welche Rollendebüts planen Sie noch?
Mrs. Quickly im „Falstaff“, eines Tages die Azucena im „Trovatore“. Womöglich werde ich die Titelrolle in Massenets „Hérodiade“ singen und die Judith in Bartóks „Herzog Blaubarts Burg“. Diese Debüts werden sich über die nächsten vier, fünf Jahre erstrecken. Ich beschränke mich ja auf rund 50 Auftritte pro Jahr, die Konzertabende sind da schon inkludiert. Dadurch singe ich pro Opernsaison nur drei bis vier Aufführungsserien. Ich mag nicht von einer Produktion zur nächsten hetzen.

Sie haben in einem Interview betont, um wie vieles anstrengender ein Opernauftritt ist als ein Liederabend. Könnte es sein, dass Sie sich eines Tages auf Konzerttermine zurückziehen?
Ich merke jedenfalls, dass ich in gewissen Opern nicht mehr so viel springen kann. Die Stimmführung verlangt nach einem gewissen Körperstand. Und: Nach tausenden Malen Auf-die-Knie-Fallen tun mir die Knie weh. Da ist es ein Vergnügen, irgendwo anzukommen und einfach nur große Arien zu singen. Konzerte haben aber auch darum Vorteile, weil ich nicht mehr so viel von Zuhause weg sein will. Sechs Wochen Proben für eine Opernpremiere empfinde ich nur noch dann als lohnend, wenn es eine neue Partie ist. Wegen einer weiteren „Carmen“ wochenlang allein in einem Hotel zu wohnen, ist nicht interessant – umso weniger, wenn man daheim Kinder hat.

Christoph Irrgeher ist Redakteur der Wiener Zeitung.

Neu erschienen:

Richard Wagner, Gustav Mahler

„Live from Salzburg“ (Lieder)

Elīna Garanča, Wiener Philharmoniker, Christian Thielemann

DG/Universal

Als JPC- und Amazon-Partner verdienen wir an qualifizierten Verkäufen.

Externer Inhalt - Spotify

An dieser Stelle finden Sie Inhalte eines Drittanbieters, die Sie mit einem Klick anzeigen lassen können.

Mit dem Laden des Audioplayers können personenbezogene Daten an den Dienst Spotify übermittelt werden. Mehr Informationen finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Christoph Irrgeher, RONDO Ausgabe 6 / 2021



Kommentare

Kommentar posten

Für diesen Artikel gibt es noch keine Kommentare.


Das könnte Sie auch interessieren

Hausbesuch

Münchner Symphoniker

Vom Ideenreichtum leben

Mit neuen Konzepten und Ideen macht sich das Orchester auch abseits des Konzertsaals fit für die […]
zum Artikel

Pasticcio

Frieden nicht in Sicht

Wann wird er sich endlich erklären: Valery Gergiev. Alle noblen Geister wollen von ihm wissen, wie […]
zum Artikel


CD zum Sonntag

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Externer Inhalt - Spotify

An dieser Stelle finden Sie Inhalte eines Drittanbieters, die Sie mit einem Klick anzeigen lassen können.

Mit dem Laden des Audioplayers können personenbezogene Daten an den Dienst Spotify übermittelt werden. Mehr Informationen finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Eva Jagun stammt aus einer Kölner Musikerfamilie und lernte zunächst Geige, Flöte, Gitarre und Klavier. Ihre ersten Erfahrungen sammelte sie in diversen Chören und Bands, später studierte sie in Hamburg Musik, seit einigen Jahren lebt sie in Berlin. Dort arbeitet sie als Sängerin wie auch als Geigerin im Studio und auf der Bühne mit einer Vielzahl von Künstlern zusammen, unter anderen mit Nina Hagen oder Dieter Hallervorden. Wichtige Impulse erhielt sie vom kanadischen Jazzbassisten […] mehr


Abo

Top