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N° 1259
25.06. - 01.07.2022

nächste Aktualisierung
am 02.07.2022



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Neugierig auf den Neustart: Bariton Dietrich Henschel © Susanne Diesner

LiedFest Berlin – Oxford:

Neu gemacht, jung gedacht

Mit U-Musik zum Break-even: Star-Bariton Dietrich Henschel setzt bei der Premiere seines LiedFests auf junges Publikum.

„Das ist eine Investition in die Zukunft, die wir hier vornehmen.“ Nein, es sind keine lauten und selbstbewussten Töne, die Dietrich Henschel da kurz vor der Premiere des „LiedFest Berlin – Oxford“ anschlägt. Dabei hätte der Hauptstädter eigentlich allen Grund, schließlich gehört der 54-Jährige zu den berühmtesten deutschen Baritonen seiner Generation, national wie international als subtiler Interpret gefeiert: Was sollte da einem weiteren Erfolg in seiner Heimat im Wege stehen?
Nun, der Sänger ist unter die Veranstalter gegangen, hat binnen kurzer Zeit ein dreitägiges, ebenso kompaktes wie intensives Festival mit Konzerten, Vorträgen und Diskussionen rund um das Kunstlied auf die Beine gestellt – und das in Zeiten, wo die meisten großen Direktionen sich angesichts der Corona-Unsicherheiten und ständig neuer Auflagen planloser Politiker eher noch in Zurückhaltung üben. Obendrein in einer Gattung, die sich schon im normalen Konzertalltag eher schwertut, die Massen zu erreichen: Gilt doch Liedgesang nach wie vor oft noch als ebenso intellektuell wie elitär.
Völlig zu Unrecht, wie Henschel findet: „Nehmen Sie Mendelssohn und Schubert – für die war das Lied einerseits ein neuer Weg, um die eigene Persönlichkeit darzustellen, zugleich aber auch um zu entspannen und sich unterhalten zu können. Ja, im Grunde war das U-Musik!“ Mag manchem Kritiker wie Kunst(lied)freund ein Abtauchen in solche Sphären auch allzu banal dünken, dem Sänger geht es vor allem darum Hemmschwellen gegenüber dem Genre abzubauen. So wie er selbst es erst jüngst wieder beim Oxford Lieder-Festival, dem größten Event des Genres, erlebt hat: „Mehr als 100 Veranstaltungen in drei Wochen, viele waren ausverkauft“ – und im Publikum saßen zu seiner Überraschung zahlreiche junge Menschen.
Ein Ziel, das der Sänger auch für sein LiedFest vom 19. bis 21. November anstrebt: Schließlich ist der Neuem wie Neuen gegenüber so aufgeschlossene Musiker überzeugt, dass das Interesse fürs Lied in der jungen Generation nur geweckt werden müsse – und was böte sich da besser an, als die Zugkraft junger Musiker auf ihre Altersgenossen zu nutzen?! So finden sich denn neben den Recitals von gestandenen Gesangskünstlern wie Caitlin Hulcup oder Sarah Wegener, Philipp Mathmann oder Henschel selbst im Programm auch Studierende der Universität der Künste und des Oxford Lieder-Festivals, die Vorträge über Mendelssohn oder britische Autoren im Berlin der Weimarer Republik musikalisch umrahmen. Womit der Initiator nicht allein den Brückenschlag zum großen Festival-Bruder nach England probt, sondern auch den Gedanken des Kulturaustauschs, der das Programm durchzieht: Denn mit Mendelssohn und seinem Liedschaffen steht ein Komponist im Fokus, der zwar eigentlich Berliner war, doch als Reisender zwischen Europa und Großbritannien vor allem ein Kulturbotschafter, der das kulturelle Leben auf der Insel nachhaltig befruchtete und dessen musikalischer Nachlass später nicht zufällig zwischen Berlin und Oxford aufgeteilt wurde. Und für Henschel bis heute immer noch Überraschungen birgt: „Ich habe jetzt wieder festgestellt, wieviel seines Liedschaffens ich noch gar nicht kannte.“
Eine Neugier, die sich der Bariton auch auf Seiten seines Publikums erhofft, nicht zuletzt ob des spannenden Veranstaltungsortes Kühlhaus, einem weithin sichtbaren Backsteinbau mit viel Stahl und Beton – und die so am Ende den Veranstalter Henschel vielleicht schon eher als gedacht zur erhofften schwarzen Null führen könnte. Immerhin gibt es Unterstützung aus dem Konjunkturprogramm „Neustart Kultur“ des Bundes wie vom Deutschlandfunk – und so gibt sich denn auch Henschel trotz aller Corona-Sorgen zuversichtlich: „Vielleicht ist es ja gar nicht schlecht, gerade jetzt etwas Neues zu wagen, wenn all die Etablierten noch in der Position des Abwartens verharren…“

Infos und Tickets unter:
www.liedfest.com
RONDO verlost außerdem 2x2 Tickets pro Konzert:
zur Verlosung

Christoph Forsthoff, RONDO Ausgabe 5 / 2021, Online



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Eva Jagun stammt aus einer Kölner Musikerfamilie und lernte zunächst Geige, Flöte, Gitarre und Klavier. Ihre ersten Erfahrungen sammelte sie in diversen Chören und Bands, später studierte sie in Hamburg Musik, seit einigen Jahren lebt sie in Berlin. Dort arbeitet sie als Sängerin wie auch als Geigerin im Studio und auf der Bühne mit einer Vielzahl von Künstlern zusammen, unter anderen mit Nina Hagen oder Dieter Hallervorden. Wichtige Impulse erhielt sie vom kanadischen Jazzbassisten […] mehr


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