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N° 1230
04. - 10.12.2021

nächste Aktualisierung
am 11.12.2021



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Catwoman meets Karlheinz: Claudia Janet Birkholz performt Karlheinz Stockhauses Gesamtkunstwerk „Luzifers Traum“ © Andreas Caspari

Claudia Janet Birkholz

"Die Zeit ist reif!"

Nichts liebt die Pianistin und Hochschuldozentin mehr als die Moderne – nun veranstaltet sie in Bremen das erste Realtime Festival.

RONDO: Wie ist Ihre Liebe zur zeitgenössischen Musik entstanden?
Claudia Janet Birkholz: Schon während des Studiums! In einem normalen Studium der klassischen Musik lernt man ja erst einmal ganz viele Regeln: Bei Bach macht man das nicht, Haydn spielt man so und Beethoven muss so musiziert werden – das habe ich immer als beengend empfunden und auch als sehr anstrengend. Denn spürt man eine wilde Musikalität in sich, ist die erst einmal eingepfercht…

…und Sie haben damals diese wilde Musikalität in sich empfunden?
Ich wusste immer, dass ich mich auf eine bestimmte Art und Weise ungezähmt ausdrücken wollte. Ganz intuitiv natürlich, denn damals hatte ich noch nicht das heutige Wissen, um dies zu erklären, und ich konnte es auch nicht kanalisieren. Aber durch diese sehr engen Regeln der klassischen Musik fühlte ich mich bisweilen so beengt, dass ich überhaupt nicht mehr wusste, wie ich etwas machen sollte – und da hat mich die Neue Musik rausgeholt.

Inwiefern?
Das erste Mal kam ich mit zeitgenössischer Musik in Kontakt, als mein Professor ein Quartett für zwei Klaviere und zwei Schlagzeuge gründete und wir moderne Musik aufführten – das habe ich als unglaublich befreiend empfunden! Da durfte man plötzlich Dinge machen, die sonst unmöglich waren: Man spielte auf den Saiten, nahm auch schon mal die Faust, um ein Cluster zu spielen – was dazu führt, dass durch die besondere Gewichtsverteilung der Klang ein ganz anderer wird, als wenn die Töne mit den einzelnen Fingern gespielt werden. Doch da man in der Klassik ja niemals mit der Faust das Klavier traktieren würde, bleiben einem diese Bereiche vollkommen verschlossen. Für mich war die Neue Musik wie eine Spielwiese, um mich auszuprobieren, Klänge zu entdecken, in den Flügel auch mal reinzugreifen. Und so ist es bis heute: Ich finde es unglaublich inspirierend, sich musikalisch so frei bewegen zu können.

Nun hat es moderne Musik ja generell eher schwer beim Publikum – hat Sie das nie abgeschreckt?
Nein. Ich bin grundsätzlich von dieser Musik überzeugt – also war mein Gedanke immer: Wie kann ich Menschen überzeugen, dass es sich wirklich um tolle Musik handelt? Denn das wird mir immer wieder bestätigt durch die Besucher in meinen Konzerten, gerade wenn diese vorher noch nie zeitgenössischen Werken begegnet sind: Überwiegend ist ihre erste Reaktion ‚Das war ja so toll!‘ – und ihr zweiter Satz ‚Das hätte ich nie erwartet!‘ Und das hat mich immer darin bestärkt zu versuchen, wirklich an diese Menschen heranzukommen.

Nun winken ja viele Veranstalter erstmal ab, wenn Künstler zeitgenössische Werke aufführen wollen…
…weshalb ich dann vor bald zehn Jahren mit Freunden den Verein „realtime – Forum Neue Musik“ gegründet habe. Bis dahin gab es nämlich in Bremen keinen Veranstalter allein für Konzerte mit Neuer Musik – und kam man mit solch einer Idee, passierte genau das, was Sie gesagt haben: Man winkte ab und erklärte, das interessiere das Publikum nicht. So können wir nun über diesen Verein Konzerte anbieten, die sonst in Bremen einfach nicht stattfinden würden.

Ausgangspunkt für die Gründung war seinerzeit der 100. Geburtstag von John Cage…
…ja, denn wir haben in der Bremer Kunsthalle einen Cage-Raum und wollten dort 2012 einen Tag für Cage veranstalten, der ja nicht nur Musik komponiert, sondern auch gemalt und Installationen gemacht hat. Die Kunsthalle war sehr interessiert, konnte als Museum aber nicht als Veranstalter auftreten – und wir haben uns gefragt: Wieso gibt es in Bremen eigentlich keinen Veranstalter, zu dem wir jetzt mit dieser Idee gehen könnten? Also haben wir dann den Verein gegründet, konnten den Cage-Tag in der Kunsthalle durchführen und veranstalten seither regelmäßig Konzerte, haben ein Jugendensemble mit regelmäßigen Workshops initiiert und kooperieren mit der Weserburg oder dem Dom.

Ihre eigenen Auftritte bewerben Sie dabei mit, nun, sehr attraktiven Fotos – lässt sich zeitgenössische Musik so besser verkaufen?
Sie meinen das Outfit zu dem Stück von Karlheinz Stockhausen? Das habe ich mit einer Bühnenbildnerin vom Theater entworfen, denn da mache ich mir schon Gedanken: Für mich ist es ein Gesamtkunstwerk, wenn ich auf die Bühne komme, um etwas zu präsentieren – und in Stockhausens Klavierstück „Luzifers Traum“ sind nun mal Elemente, die in erotische und sexuelle Bereiche gehen und auch etwas Katzen- und Beschwörungsformelartiges haben, zumal mit seiner Farbvorgabe Eisblau-Schwarz. In der Arbeit mit der Bühnenbildnerin ist dann dieses Outfit mit den kniehohen Lederstiefeln, der engen schwarzen Lederhose und Corsage entstanden. Sex sells? Keine Ahnung, das überlasse ich den Marketingleuten…

…Sie wollen mir sagen, dass Sie sich damit nicht auskennen?
(lacht) Natürlich weiß ich, dass ein solches an die Presse gesandtes Foto, wo der Ausschnitt tief ist und auch noch ein Schlitz im Kleid zu sehen ist, in der Zeitung erscheinen wird und meinem Konzert nützt.

Oder eben auch dem Realtime Festival für Neue Musik, das nun in sein zweites Wochenende geht – hatten Sie keine Sorge, dass in diesen ohnehin schwierigen Zeiten für die Kultur noch weniger Besucher kommen könnten als ohnehin nur zu Konzerten mit zeitgenössischer Musik?
Natürlich hatten wir die Sorge, aber wir standen eben auch in einer Zwickmühle, denn wir hatten dieses Festival bereits zweimal verschoben – und diese Verschiebungen kosten unglaublich viel Geld. Zudem haben wir nur ganz schwer Unterstützer gefunden, da wir außer einer Idee ja noch nichts anzubieten hatten – insofern war es für uns unglaublich wichtig, diese Veranstaltung jetzt endlich durchzuführen. Und das mit Erfolg: Am ersten Wochenende sind 500 Menschen gekommen – für Neue Musik ist das gerade in Corona-Zeiten beachtlich und hat uns bestätigt, dass es gelingen kann, Leute für die Moderne zu interessieren. Und die Publikumsreaktionen kommen mir sehr bekannt vor, denn von vielen habe ich einmal mehr vernommen: ‚Erstens war es ja so toll und zweitens hätte ich das nie erwartet‘… (lacht)

Weitere Infos und Tickets unter:
www.realtime-bremen.de

Christoph Forsthoff, RONDO Ausgabe 5 / 2021, Online



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