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N° 1230
04. - 10.12.2021

nächste Aktualisierung
am 11.12.2021



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(c) Annemie Augustijns

Fanfare

Proben, Pleiten und Premieren: Höhepunkte in Oper und Konzert

Der Letzte wird der Erste sein. An dieses Sprichwort wird Ersan Mondtag vor seiner jüngsten Premiere gedacht haben: Der Berliner Regisseur war der letzte, der Anfang 2020 in Gent sein Musiktheaterdebüt mit Franz Schrekers „Der Schmied von Gent“ herausbringen konnte. Und er war dort 20 Monate später der erste, der solches neuerlich mit dem „Silbersee“ Kurt Weills tun konnte. More is more. Deshalb sah das sozialkritische Stück von Weill und Georg Kaiser, drei Wochen nach der Machtergreifung 1933 uraufgeführt und schnell abgesetzt, deutlich anders aus. Mondtag negiert den gesellschaftskritischen Sozial-Plot um den hungernden Proletarier Severin, der eine Ananas stielt und dafür von dem Polizisten Olim angeschossen und verhaftet wird. Er entdeckt eine schwule Liebesgeschichte, die mit einer Ladung Queerness gefeiert wird. Auch weil Mondtags Lieblingsprimadonna, der belgische Schauspieler Benny Claessens, als Olim jubelt und feixt. Zusammengehalten wird der kreischige Klimbim durch Weills formenstrenge Partitur. Und der versatile Karel Deseure achtet prima auf Rhythmusstrenge. Wir blieben in Benelux, reisten nach Amsterdam. Dort hat die dirigentische Nachwuchshoffnung Lorenzo Viotti mit einer Doppelpremiere als Musikchef der Dutch National Opera wie des Nederlands Philharmonisch Orchest begonnen. Maestro? Oder Model? Model Maestro, vermutlich. Das könnte eine neue klassische Berufsbezeichnung werden, zumindest in der Instagram-Ära, wo sich der hübsche Italo-Schweizer Bub (zumindest gibt er sich mit 31 Jahren noch so) auf Instagram folgen lässt. Vehment. In Amsterdam konnte man jetzt noch nicht sagen, ober er besser auf dem Pult oder beim Sixpack-Training ist. Statt Giuseppe Verdis „Otello“ wurden zwei stundenkurze, pandemieregelkonforme Premieren gewählt: Joseph Haydns „Paukenmesse“, verschnitten mit elektronischen Klängen zu einer „Messe des 21. Jahrhunderts“, ein multimedial bunter, niederschwelliger Abend für den Chor und das verkleinert im Graben zugelassene Orchester plus neun Tänzer. Und Alexander Zemlinskys Einakter „Der Zwerg“ mit mehr als achtzig Musiker starkem Orchester auf der Bühne, semikonzertant, aber als endlich wieder großer Klangrausch. Es wurde eine sehr gemischt gepackte Tüte. Der generisch tönende Haydn wurde vom Elektro untergepflügt, der schön ausgebreitete, fein pulsierende Zemlinsky deckte bisweilen die Sänger zu. Also warten wir noch ein Lorenzo-Weilchen. Wir wechselten in die Schweiz. Projekt Naturbett. So hätte man ironisch das Unterfangen beschreiben können, dass sich am Zürichsee ereignet hat. 2016 stimmten drei Viertel der Stadtbewohner für eine Renovierung von Kongresshaus und Tonhalle Zürich, lange Zeit ein schwarzes Architekturloch in Bestlage. Kongresshaus und Tonhalle sind untrennbar verbunden, nicht nur bautechnisch. Und deshalb wird jetzt, hinter einer Gardine, eine Esoterikmesse im Kongresssaal aufgebaut, wo es den „Projekt Naturbett“-Stand gibt. Während im Seefoyer nebenan der Rosé-Sekt für den Schlummertrunk nach 90 Minuten dichtestem Mahler à la Paavo Järvi zur Wiedereröffnung des glanzvoll sanierten Musiktempels perlt. 1895 wurde hinter dem schnörkeligen Trocadéro der neue Konzertsaal eröffnet und 1939 für die Landesaustellung abgerissen. Die Tonhalle hat man für die Neubauten beschnitten, die Üppigkeit innen grau übermalt, das überstand auch die große Renovierung von 1985, die neue, hässliche Details brachte. Abreißen oder Renovierung des Kongresshauses, das war die Frage, denn die Substanz war marode. Man hat renoviert. Und wie schön! Schlanke 170 Millionen Franken hat es gekostet. Das Verbrechen des Panoramasaals, der den Seeblick versperrte, wurde beseitigt. Die auf der zum Ufer abfallenden Treppe im Sommer ihren Apéro Schlürfenden sind bereits zu erahnen. Projekt Naturbett eben.

Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 5 / 2021



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